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Do, 01. Oktober 2015

Der Angriff der Zeit auf das übrige Leben: Labor

Mit Henning Schmidgen, Jimena Canales und Stephan Geene

Das Ordnungssystem Zeit durchdringt alle Lebensbereiche. Im „global village“ der technologischen Zeit kann jeder zu jedem Zeitpunkt von jedem erdenklichen Ort Informationen erhalten. Der drahtlosen Kommunikation sind keine Grenzen gesetzt. Als Grundlage der Finanzmärkte treibt sie die permanente Beschleunigung der Welt voran. Die Zukunft wird bereits von der Gegenwart aufgebraucht und mit riesigen Mengen von Daten, Müll und Schulden zugebaut. Unter den Bedingungen von Echtzeitkommunikation und globaler Mobilität gehen zwei Zeitressourcen verloren: Die Sinn und Identität stiftende Vergangenheit, und eine Zukunft, die utopische Gegenentwürfe zum Jetzt erlaubt.
Im Rahmen des Auftakts von 100 Jahre Gegenwart untersuchen vier Veranstaltungen den Zeitraum von hundert Jahren als historischen Imaginationsraum unterschiedlicher Ausdehnungen und Verknüpfungen von Zeit: Was prägt die gegenwärtig vorherrschende Auffassung von Zeit im beschleunigten Kapitalismus? Wie beeinflusst sie unsere Wahrnehmung und Deutung der Welt? Wie wird Zeit im Experiment und im Labor hergestellt? Wie werden historische Ereignisse, Texte und Kulturen zu erfahrbaren Räumen? Und wie könnten andere Zeitvorstellungen Handlungsspielräume eröffnen?

Wie wird Zeit im Labor hergestellt und wie wirkt sie sich auf unser Leben aus? Unsere heutige, immer stärker beschleunigte Zeit ist nicht naturgegeben; sie wird auch durch die Wissenschaft geformt. Es sind Zeitrafferfilme, Ultrazentrifugen und Teilchenbeschleuniger, die Zeitregime erschaffen, denen unser Alltag immer mehr unterstellt ist. Die Kommunikation im Word Wide Web etwa beruht auf einem Kommunikationssystem, das zuerst am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, eingerichtet wurde. In Bezug auf Chris Markers Kurzfilm La Jetée (Am Rande des Rollfelds, F 1962, 28 min) wird in kurzen Vorträgen und einem Gespräch nach Auswegen aus dem beschleunigten Kapitalismus gesucht und nach dem Außen eines nunmehr unentrinnbar erscheinenden Zeitregimes.


Biografien

Jimena Canales ist die Autorin von The Physicist and the Philosopher: Einstein, Bergson and the Debate That Changed Our Understanding of Time (Princeton University Press) und A Tenth of a Second: A History (University of Chicago Press). Zurzeit hat sie den Thomas M. Siebel Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte an der University of Illinois-UC inne und war zuvor Assistant and Associate Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Harvard University und senior fellow am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM). Sie schreibt auch für ein breiteres Publikum in WIRED magazine, für die BBC, für Aperture und in Artforum.

Stephan Geene ist ein Berliner Filmemacher und Mitbetreiber des Buchladens und Verlags b_books. Zu seinen jüngsten Filmen gehören Umsonst (2014) und After Effect (2008). Zahlreiche seiner Theaterstücke wurden an internationalen Bühnen inszeniert, u.a. beim Theaterfestival München, im Kunstverein München, im Dramatischen Zentrum Wien und beim Steirischen Herbst. Geene kuratiert Ausstellungen, organisiert Filmfestivals und schreibt Artikel für Spex, Jungle World, Springerin, Texte zur Kunst und die Tageszeitung taz. Er unterrichtet an der Beuth Hochschule Berlin Theorie und Geschichte des Fernsehens.

Henning Schmidgen ist Professor für Theorie medialer Welten an der Bauhaus-Universität Weimar. Er studierte Psychologie, Philosophie und Linguistik in Berlin und Paris, war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und Professor für Medienästhetik an der Universität Regensburg. Seine Veröffentlichungen befassen sich mit der Geschichte der experimentellen Lebenswissenschaften, mit der Philosophie und Ästhetik der Maschinen und mit der Akteur-Netzwerk-Theorie. Zuletzt erschienen von ihm Hirn und Zeit. Die Geschichte eines Experiments, 1800-1950 (Berlin 2014) sowie Bruno Latour in Pieces. An Intellectual Biography (New York 2015).