Fr, 30. Mai 2014

1001 Wirklichkeit. Fortsetzungen eines unabgeschlossenen Romans

Eran Schaerf mit Pauline Boudry, Elfriede Jelinek, Leonhard Koppelmann, Stephanie Metzger, Eva Meyer, Uriel Orlow, Andrea Thal und Tim Zulauf

Jacqueline Kahanoff, Mi'mizrach Shemesh (The Sun Rises in the East); Alber Memmi, Der Kolonisator und der Kolonisierte, Zwei Portraits; Edmond Jabés, Das Buch der Fragen; Timothy Mitchell, Colonizing Egypt; Ronit Matalon, The One Facing Us | Photo © Andrea Thal, Eran Schaerf

Jacqueline Kahanoff, Mi'mizrach Shemesh (The Sun Rises in the East); Alber Memmi, Der Kolonisator und der Kolonisierte, Zwei Portraits; Edmond Jabés, Das Buch der Fragen; Timothy Mitchell, Colonizing Egypt; Ronit Matalon, The One Facing Us | Photo © Andrea Thal, Eran Schaerf

Im Jahr 1938 haben die erfundenen Nachrichten-Meldungen in Orson Welles’ Hörspiel Krieg der Welten viele Zuhörer davon überzeugt, dass Marsbewohner im Begriffe stünden, die Erde zu überfallen. Folge davon war eine große öffentliche Aufregung über die jeweils unterschiedlichen Wahrheitsbehauptungen von Nachrichten-Meldungen und Radio-Hörspielen.

Die weitverbreitete Annahme geriet ins Wanken, dass zwischen medialen Formaten und Realitätsbehauptungen starke Verbindlichkeiten bestünden: Hörspiele bringen Literatur zur Aufführung, und Nachrichten beschäftigen sich mit der Vermittlung dokumentarischer Inhalte. Doch wie stabil sind solche Kategorien wirklich? Was kann ein Radiohörspiel dokumentieren, wenn es journalistische, essayistische und biografische Formen der Erzählung verwebt? Welche Form der Narration dokumentiert eine bestehende Gesellschaft und welche bringt eine neue hervor?

Eran Schaerfs 1001 Wirklichkeit. Fortsetzungen eines unabgeschlossenen Romans untersucht diese Fragen mittels einer Radiosendung, die vor Ort im Haus der Kulturen der Welt produziert und live via Bayerischer Rundfunk übertragen wird.

Die Sendung bezieht ihr Quellmaterial aus Fragmenten von Jacqueline Kahanoffs Roman Tamra, der nach dem Tod der Autorin im Jahr 1979 unabgeschlossen blieb. Tamra erzählt unter anderem die Geschichte einer verbotenen Liebe zwischen einem muslimischen Jungen und der titelgebenden Protagonistin, einer jungen Frau jüdischer Abstammung. In Indien geboren und mit britischen Pass, kommt Tamra als Jugendliche im kolonialen Kairo der 30er-Jahre an und hadert mit der europäischen Orientierung ihrer privilegierten Klasse. Eran Schaerf stößt auf Echos von Themen des Romans in den nicht-belletristischen Arbeiten von Kahanoff, im Speziellen in ihrer Philosophie des Levantismus. Sie verstand darunter eine Form der kulturellen Verflechtung, den sie als gegensätzliche Haltung zum Konzept des Nationalstaates entwickelte. Mit 1001 Wirklichkeit nutzt Eran Schaerf das Format des Radiohörspiels um die Erzählhandlung von Tamra fortzusetzen und gleichzeitig die Bedeutung von Kahanoffs Levante-Modell für ein postkoloniales Europa zu untersuchen.

Außerdem mit: Kerstin Honeit, Lara Körte, Karolin Meunier, Samuel Streiff

Live-Hörspiel im Bayerischen Rundfunk: 30. Mai 2014, 21.05 Uhr
1001 Wirklichkeit. Fortsetzungen eines unabgeschlossenen Romans wurde produziert von BR Hörspiel und Medienkunst/ Berlin Documentary Forum 3