Traumapolitik unter Druck

Ist eine gemeinsame Erinnerung möglich?
Juni 2021

Das Erbe jahrhundertelanger kolonialer und imperialer Geschichte prägt Lebenswelten und Sprechpositionen einer Mehrheit der Menschen bis heute entscheidend. Die Trennlinien innerhalb und zwischen Gesellschaften in ihrer modernen Form des Nationalstaats wurden davon maßgeblich produziert. Wie kann die koloniale Geschichte der Moderne erinnert werden, ohne dass sich ihre Leitfiktionen reproduzieren? Wie lässt sich vermeiden, dass ihre Opfergeschichten miteinander in Konkurrenz treten?

Die heutige Weltgesellschaft ist medial, technologisch und ökonomisch vernetzt. Doch nationalistische und antidemokratische Kräfte sind weltweit auf dem Vormarsch; im Zentrum ihrer Programme der Spaltung stehen manipulative und reduktionistische nationale Geschichtsbilder und -Erzählungen.

Um dem entgegenzuwirken braucht es einen differenzierten Umgang mit den Kontinuitäten und Brüchen moderner Geschichte und ihren Strukturen, die ihren Ursprung in der Kolonialgeschichte haben. In diesem Sinne ist es für die Betrachtung des Verhältnisses von Antisemitismus zu Rassismus unumgänglich, das Verhältnis von europäischer Binnengeschichte und globaler Expansionsgeschichte in den Blick zu nehmen. Im Sinne einer „multidirectional memory“ darf eine gemeinsame Erinnerung der modernen Ära spezifische Erfahrungen nicht nivellieren. Gleichzeitig muss sie sich entschieden gegen eine Instrumentalisierung historischer Erfahrungen und Traumata richten.

Wie können politische und kulturelle Formen und Institutionen für eine globale Gesellschaft entstehen, die der medialen, technologischen und ökonomischen Vernetzung der Gegenwart Rechnung tragen? Und wie können kontroverse Debatten über Erinnerungskultur und nationale Geschichtsschreibungen dazu beitragen?

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