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Open Call

The Whole Life Academy Berlin

Die gegenwärtige Situation globaler sozialer und politischer Anspannung ist eng mit Archivierungspraktiken verbunden. Durch das Aufzeichnen, Speichern und Weitergeben von Daten, Wissen und gelebter Erfahrung wird das Festhalten von Gegenwart Teil einer komplexen Konstellation historischer, sozialer und sinnlicher Choreografien und Protokolle. Die Whole Life Academy Berlin erprobt kollaborative Formen der Wissensproduktion in Archiven. Dabei greift sie aktuelle Fragen der Dekolonisierung von Archiven und Objekten auf und legt marginalisierte Narrative offen.

Welche Commons-, Kollektiv- und Solidarität-orientierten Strategien können Archive angesichts von Gesundheits-, Wirtschafts-, Umwelt- und politischen Krisen anbieten? Wie können spezifische Erzählungen, Archivobjekte und Biografien in lokalen Archiven heute lesbar gemacht werden? Wie prägen die gegenwärtigen Formen menschlicher und nicht-menschlicher Zusammenhänge die Art und Weise, wie Archive gebaut sind und wie sie funktionieren?

Eingebettet in einen langjährigen Forschungsprozess entwickelt die internationale Whole Life Academy Berlin im April ein nomadisches Curriculum mit einem einwöchigen Programm aus Exkursionen, Seminaren und Archivsichtungen. Zehn Workshops verbinden Theorie, Praxis und ortsspezifische Forschung. Archivorte wie das Computerspielemuseum, das Harun-Farocki-Institut, das persönliche Archiv von Veronika Radulovic, das Lili-Elbe-Archiv, das Museum für Naturkunde Berlin und das Archiv des Schwulen Museums dienen als Grundlage. Von hier aus formulieren die Teilnehmer*innen ein Verständnis von zeitgenössischen und historischen Praktiken des Sammelns, Verknüpfens und Kategorisierens neu und erproben alternative Formen des Zugangs zu Archivmaterial mit analogen und digitalen Werkzeugen.

Mit Gastbeiträgen von Alice Creischer und Andreas Siekmann, Doreen Mende, Adam Jasper, Anna-Sophie Springer, Florian Wüst, Vadim Zakharov u. a.

Die Whole Life Academy Berlin wird von einem öffentlichen Abendprogramm mit Vorträgen, Gesprächen und Filmvorführungen begleitet. Vom 22. bis 24. April 2021 schließt sich der Archiv-Kongress im HKW an.

Die erste Ausgabe der Whole Life Academy fand im Mai 2019 in Dresden statt.

Wer kann teilnehmen?

Der Open Call richtet sich an Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen aus Kunst, Geisteswissenschaften, Sozial- und Naturwissenschaften, Design und Architektur. Die Akademie fördert ein interdisziplinäres Arbeitsumfeld und begrüßt Bewerbungen von Master-Studierenden und Doktorand*innen, Künstler*innen, Schriftsteller*innen, Forscher*innen, Kurator*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen und von Fachleuten, die in Institutionen mit Sammlungen, Archiven oder anderen Wissenssystemen arbeiten.

Die Teilnahme an der Whole Life Academy ist kostenlos. Für die Verpflegung ist während der gesamten Woche gesorgt. Reisekosten und Unterkunft können nicht übernommen werden. Das HKW kann die Teilnehmer*innen bei der Beantragung von Reisestipendien oder Fördermitteln unterstützen.

Anforderungen und Einreichung

Bewerber*innen sollten für die Dauer des Programms aktiv an einem Workshop teilnehmen und große Bereitschaft für interdisziplinäre Zusammenarbeit und engagierte Diskussionen mitbringen.

Das Programm findet auf Englisch statt.

Bitte geben Sie in Ihrer Bewerbung drei Workshop-Optionen in der bevorzugten Reihenfolge an, fügen Sie einen kurzen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben bei. Das Motivationsschreiben sollte zwischen 200 und 400 Wörter lang sein und Informationen über Ihre Forschungsinteressen und/oder -praktiken in Bezug auf die Methoden der Akademie und die Notwendigkeit dieser Art von Archivforschung heute enthalten.

Bitte senden Sie die Bewerbung als pdf-Datei an

Bewerbungsfrist: 15. Januar 2021

#1: Archiv für die elfte Stunde

Mit Ollie George, Ekaterina Golovko, Edi Danartono Winarni

Wie wird eine singuläre Geschichtserzählung demontiert? Dieser Workshop, der als eine Versammlung von Körpern, Erzählungen und alternativen (Vor-)Annahmen gedacht ist, versucht, das „immaterielle Archiv“ zu durchdenken und seine (un)mögliche Konzeption vorzuführen. Die Teilnehmer*innen weben eine kollektive Erzählung des „Unarchivierbaren“ über die Wechselbeziehungen von Subjekt und Objekt. Geleitet werden sie von Positionen des dekolonialen Denkens, die sich in den Sammlungen von Objekten und Erzählungen außerhalb der hegemonialen Form(en) der westlichen Wissensproduktion verorten.

#2: Archivierung von Clubkulturen vom Spätsozialismus bis zur Ära des Social Distancing

Mit Megan Hoetger, Carlos Kong

Mit dem Blick auf die wenig bekannten Disko-Filme der DEFA greift der Workshop das turbulente Beispiel Berlins auf, um über Städte und die Architektur ihres Nachtlebens als Archive sich überlagernder Geschichten nachzudenken. Die DEFA (Deutsche Film-Aktiengesellschaft) war das staatliche Filmstudio der DDR. Leitende Fragen sind: Was bedeutet Archivforschung im Kontext einer körperlichen Beziehung zur Geschichte? Auf welche Weise können vergangene Zukunftsvisionen, die aus der Clubkultur heraus entstanden, archiviert werden? Wie kann dies auch in der Pandemie-Situation geschehen, in der die Zukunft der Tanzfläche immer schwerer vorstellbar scheint? Im Workshop agieren die Teilnehmer*innen als Archäolog*innen der Party und erforschen, wie die umstrittenen Lebensentwürfe und gegenwärtigen Überreste der Berliner Clubkulturen aufgedeckt und archiviert werden können.

#3: Desktop Shortcuts

Mit Geli Mademli, Jacob Moe, Marie Schamboeck

Wie ist Wissen in einer pulsierenden Metropole mit einer komplexen Geschichte von Teilung, Segregation und Entwurzelung verortet? Mit der Idee des Desktops als Schnittstelle zwischen dem Realen und dem Virtuellen und als offenem Raum, in dem standardisierte Wahrnehmungen von Archivierungsprozessen neu verhandelt werden, zielt dieser Workshop darauf ab, einen selbstreflexiven „Shortcut“ zu einer Methodik der Erforschung von kleinen und großen Formen der Wissensproduktion und ihrer visuellen Artikulationen zu entwickeln.

#4: Archivarischer Burnout im Zeitalter der Verwundbarkeit: [Ungehorsame] Commons und ihre Dilemmata, Spekulationen, Emotionen

Mit Özge Çelikaslan, Naz Cuguoğlu

Die Menschheit lebt in den katastrophalen Momenten einer historischen Rebellion: „The Earth is rebelling against the world, and the agents of planet Earth are floods, fires, and most of all critters“ (Franco „Bifo“ Berardi). Wie lässt sich dieses Zeitalter der Verwundbarkeit betrachten: als das Ende der Menschheitsgeschichte oder durch den Zusammenhalt und die Sorge füreinander? In diesem Workshop besuchen die Teilnehmer*innen Archiv-Commons, die als temporäre autonome Zonen existieren, um Räume für die gemeinsame Forschung zu schaffen. Sie werden gemeinsam über ihre Materialität im Kontext von Kollektivität, Konnektivität und Transversalität aber ebenso im Sinne von Isolation und Auslöschung diskutieren und nachdenken.

#5: Lebensgeschichten und Archive

Mit Arnika Ahldag, Eva Bentcheva, Gulzat Egemberdieva, Assaf Gruber, Ann Harezlak

Dieser Workshop untersucht die vielschichtige Beziehung zwischen Biografie und Archiven. Er blickt über subjektive Sammelstrategien und Kunstkenntnis hinaus und fragt: Wie spiegeln sich Biografien in Archiven wider? Die „Biografie“ ist hier im Spektrum zwischen Nationalstaat, Institutionen und individuellen Beweggründen situiert. Der Workshop untersucht so Menschen, die Archive aufbauen als Aktivist*innen, Vermittler*innen, Gatekeeper*innen und Diplomat*innen in transnationalen, postkolonialen und nicht-westlichen Archiven.

#6: Das pervertierte Archivbild

Mit Ayman Nahle

Ausgehend von den Archiven von Studio Baalbeck – welches man als nationales Filmerbe des Libanon bezeichnen könnte – geht es im Workshop um die verknüpften Ökonomien, die kulturelle Produktion im Allgemeinen und die Filmindustrie im Besonderen prägen und umgeben. Wie entfaltet sich die Geopolitik einer Region durch die Arbeit von Einzelpersonen und Institutionen? Wie kann Archivarbeit durch Forschung und Wiederaufbau die Feinheiten lokaler und globaler wirtschaftlicher, politischer und persönlicher Strukturen herausarbeiten?

#7: (Anpassung an) nicht-lineare Zeitachsen

Mit Marina Valle Noronha, Viktorija Šiaulytė

In diesem Workshop leitet der Spiralismus, eine literarische Bewegung, die in den 1960er Jahren in Haiti entstand, die Teilnehmer*innen an bei einer Suche nach Überresten von Freiheit und imaginierten Realitäten in Archiven. Indem sie den Spiralismus-Begriff weiterführen, stellen sie den konventionellen „cartesianisch“ linearen Zugang zu Objekten (und ihren Erzählungen) in Institutionen in Frage. Stattdessen entwickeln sie nicht-chronologische Perspektiven auf das Archivieren, Sammeln und Kuratieren in Form von konzeptuellen Infografiken, z. B. Illustration, Installation, Text, Audio, 3D oder digitale Formate.

#8: Ein Archiv westlicher Fluchtfantasien

Mit Viola Hildebrand-Schat, Paul Wiersbinski

Der Workshop befasst sich mit der Frage, wie Ideen von „reiner“ Natur, Unsterblichkeit und Raumfahrt in der westlichen Wissenschaft und Kunst immer auch eine Wunschvorstellung waren, um einer defizitären Existenz zu entkommen und sie zu verändern, statt ihre Grenzen zu akzeptieren. Die Teilnehmer*innen versuchen, ein eigenes Archiv über Fluchtfantasien zu schaffen – sowohl durch Theorie und Praxis, als auch durch mehrere Exkursionen zu Berliner Künstler*innen und Orten.

#9: Archive (Ver-)Lernen im Zeitalter des sechsten Aussterbens

Mit Priyanka Basu, Imani Jacqueline Brown, Steve Rowell, Dubravka Sekulic

Dieser Workshop befasst sich mit Archiven im Zusammenhang mit den sich überschneidenden Schauplätzen von Natur/Kultur, Klimawandel, Deep Time und gebauter Umwelt. Ist das Archiv zukünftig ein brauchbarer Verwahrungsort für potenziell erneuerbares Material? Kann es ein Beitrag zu einem Rückkopplungssystem der gegenseitig zugesicherten Zerstörung sein – eine irrationale Angstreaktion angesichts eines Verlusts, der das Noch-Nicht-Tote zum Bereits-Vergangenen verurteilt?

#10: Das hedonistische Archiv

Mit Daniela Duca, Ingrid Kraus, Ksenia Jakobson, Ting Tsou, Julian Volz, Marlena von Wedel

Während des gesamten Workshops werden sich die Teilnehmer*innen mit der queeren visuellen Kultur im postsowjetischen Russland befassen und die Synergien zwischen Queerness, kultureller Präsentation und der Visualisierung von Methoden der Selbstarchivierung thematisieren. Gemeinsam werden sie auch mögliche Bildungsstrategien der sogenannten Neuen Akademie, eine Gruppe, die in den 1980ern und 90ern in Leningrad aktiv war, beleuchten. Kann Hedonismus eine Alternative zu einem stumpfsinnig-systematischen und positivistischen Umgang mit Archiven sein, insbesondere wenn es um Praktiken geht, die den Gegensatz zwischen Leben und Kunst irrelevant machen?