Das ganze Leben. Archive und Wirklichkeit

Foto: Marcus Schneider

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Im räumlichen Setting einer öffentlichen Archivsichtung im Lipsiusbau sind eine Woche lang unterschiedliche Positionen aus den Bereichen bildende und darstellende Kunst, Journalismus, Tanz, Film und Theorie zu sehen, die vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Methoden und Praktiken Archivbestände befragen. Ausgehend von einzelnen Objekten des Archivs der Avantgarden (AdA) entfalten sich so Einblicke und Spuren in unterschiedliche Archivorte, Zeiten und Narrative. Sie bilden objekt-, zeit- und ortsbezogene Fallstudien, die Möglichkeiten der Wissensproduktion in Archiven erproben und mit neuen, disziplinübergreifenden Methoden experimentieren. Die Archiv-Settings bilden zugleich den Rahmen für öffentliche Vorträge und Lecture Performances, die sich anhand konkreter Archivbestände mit dem Entstehen, der Transformation und dem Verschwinden von Archiven auseinandersetzen.

Ein Kongress mit internationalen Expert*innen widmet sich den gegenwärtigen Akteur*innen, Methoden und Zuständen der Institution Archiv. In einer interdisziplinären Akademie haben junge Forscher*innen Gelegenheit für tiefere Einblicke in Inhalte und Formen der beteiligten Archive. Das Programm entsteht in einer engen Kooperation von Arsenal – Institut für Film- und Videokunst e.V. (und Partner*innen), Haus der Kulturen der Welt (HKW), Pina Bausch Foundation und Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD).

Das Archiv der Avantgarden (AdA) wurde von dem Sammler Egidio Marzona zusammengetragen und Ende 2016 den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden übergeben. Die Sammlung besteht aus künstlerischen Werken und Skizzen, Briefen und Fotografien, Alltagsgegenständen, Möbeln und Designobjekten: Objektsammlungen des Bauhaus, der Mailänder Gruppe Memphis oder der Firma Braun neben Kunstwerken der Fluxus-Bewegung und russischen Avantgarde-Magazinen. Dies sind nur einige Beispiele für die Fülle und Vielschichtigkeit der Sammlung, in der sich potenziell „das ganze Leben“ unterschiedlicher Orte und Zeiten verdichtet und die historische Verknüpfungen aktueller Fragestellungen sichtbar werden: Wie spiegelt sich historisches Design im Digitalen wider? Wie wirken radikale soziale Utopien der Arbeiter*innenbewegung auf heutige politische Diskurse? Wie sind die kollektiven Arbeitspraxen internationaler künstlerischer Avantgarden des 20. Jahrhunderts mit den Unternehmenskulturen der Gegenwart verknüpft?

Mit dem AdA als Ausgangspunkt versteht das Projekt Archive als soziale Netzwerke von Objektbiografien. Sie haben das Potenzial, Verbindungen zwischen Forschung und gesellschaftlicher Praxis, politischen Kontexten, kulturellem Leben und lokalen Strukturen herzustellen. Durch Methoden der künstlerischen und kuratorischen Forschung findet eine Erweiterung eines räumlich begrenzten Archivbegriffs und die Aktivierung von Archivorten als Teil heutiger Archivpraxis statt. Zugleich werden Fachfragen rund um die Indexikalität, Tektonik und Erschließung von Archivbeständen sowie ihrer historischen oder zeitgenössischen Zeugenschaft diskutiert. Auf der praktischen Ebene wird es um die aktuelle Entwicklung des AdA gehen, um das Archiv als Ort zeitgenössischer Diskurse erfahrbar werden zu lassen.