Das ganze Leben. Archive und Wirklichkeit

Kooperationsnetzwerk

Archive dokumentieren unterschiedlichste Formen kultureller und geistiger Aktivität. Ihre jeweilige Sammlungsspezifik setzt methodische und fachliche Expertise voraus. Dies betrifft sowohl das Verständnis für die Inhalte und Wissenspotentiale eines Archivs als auch eine Vorstellung darüber, mit welchen Strategien seine Ressourcen wissenschaftlich, kuratorisch und künstlerisch aktiviert und fruchtbar gemacht werden können. Das HKW arbeitet für das Projekt daher mit einem Netzwerk von Partnern aus den unterschiedlichsten Bereichen, die voneinander lernen und gemeinsam neue Archivpraxen erproben. Diese Archivinstitutionen zeichnen sich durch die besondere Qualität ihrer Sammlungen aus und nehmen eine Vorreiterrolle in der Entwicklung neuer Konzepte, Zugänglichkeiten und Kontextualisierungen ihrer Bestände ein: Das Arsenal – Institut für Film und Videokunst, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Pina Bausch Foundation.

Ziel des auf drei Jahre angelegten Kooperationsprojekts ist es, modellhaft neue Verfahren und theoretische Ansätze im Umgang mit Archiven zu entwickeln und zu erproben. Im Rahmen des Kooperationsverbunds entsteht eine Vielzahl an Einzelprojekten, die mit Möglichkeiten der Wissensproduktion in Archiven experimentieren und Methoden vorschlagen, die aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen und erkenntnistheoretische Fragestellungen verbinden.

Partner

Die lebendige Vermittlung internationaler Filmkultur ist Ziel und Aufgabe des Arsenal – Institut für Film und Videokunst. An der Schnittstelle von Theorie und Praxis schafft das Institut Denk- und Arbeitsräume für Filmgeschichte und Gegenwartskino mit Blick auf den unabhängigen und experimentellen Film. Als vernetzte Kommunikationsplattform fördert es den dynamischen Austausch von Film, Wissenschaft und Kunst. Das auf drei Jahre angelegte Projekt Archive außer sich beschäftigt sich als Serie von interdisziplinär angelegten Forschungs-, Veranstaltungs- und Ausstellungsprojekten mit dem filmkulturellen Erbe und seinen Archiven. In Zusammenarbeit mit Partnern, die selbst Filmarchive betreiben, oder sich in Theorie und Praxis mit ihnen auseinandersetzen, werden Einzelprojekte entwickelt, die gemeinsam die Fragen verfolgen: Was ist kulturelles Erbe, welche Aufgaben leiten sich daraus ab und was ist heute eigentlich ein Filmarchiv? Die teilnehmenden Institutionen sind: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, Film Feld Forschung gGmbH, Harun Farocki Institut, SAVVY Contemporary, pong film GmbH, der Masterstudiengang „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“ an der Goethe-Universität Frankfurt und das Seminar für Filmwissenschaft an der FU Berlin.

Die gemeinnützige Pina Bausch Foundation wurde nach dem Tod der Tänzerin und Choreografin Pina Bausch im Jahr 2009 von ihrem Sohn Salomon Bausch gegründet. Aufgabe der Stiftung sollte es sein, das künstlerische Erbe von Pina Bausch lebendig halten und das schon von ihr selbst über Jahrzehnte gesammelte Material in ein Archiv zu überführen. Ergänzend zu dem physischen Materialbestand werden systematisch Interviews geführt, um wichtigen Zeitzeug*innen eine Stimme zu verleihen. Diese Aufzeichnungen im Sinne einer Oral History schaffen eine Verbindung zwischen den Dokumenten, Objekten und Medien im Archiv. Durch die Erzählungen der Zeitzeugen bekommen die Archivmaterialien einen einzigartigen Bezug zur Lebenswirklichkeit. Für die Vermittlung dieser Verbindungen wurden neue Strategien unter Einbindung der Oral History-Dokumente in ein digitales Archiv entwickelt. In Kooperation mit dem Studiengang Informationswissenschaft der Hochschule Darmstadt wurde dazu das richtungsweisende Linked-Data-System entwickelt, welches die Vernetzung aller Informationen ermöglicht. Dieses innovative Datenbanksystem arbeitet mit modernsten Suchtechnologien und ist Basis für zukünftige Vernetzungen mit anderen Archivdatenbanken. Der gesamte Archivbestand wird in diese Datenstruktur überführt. Dieses digitale Archiv soll zukünftig in großen Teilen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Archiv der Avantgarden (AdA) der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist in Umfang und Struktur weltweit einmalig mit seiner Sammlung von rund 1,5 Millionen Objekten und Dokumenten aus dem Bereich der Kunst und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Basis des Archivs ist die Schenkung der Sammlung von Egidio Marzona an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Dezember 2016. Das Archiv umfasst medien- und gattungsübergreifende Kunstwerke und zugehöriges Kontextmaterial zu künstlerischen Arbeitsprozessen, aber auch zu Architektur, Literatur, Musik, Theater, Film und Politik der Zeit. Das Archiv ist damit auch eine Sammlung der Utopien und radikalen Entwürfe – sowohl im Hinblick auf ästhetische Werte als auch auf gesellschaftliche Standards und ist offen für neue Formen und Weisen der Lesbarkeit. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entwickeln das AdA als einen Raum kreativen Handelns mit einem flexiblen Archiv weiter, das offene, transparente Kommunikation und neue Fragestellungen und Perspektivierungen erprobt. Auf Grundlage der umfangreichen, offenen und interdisziplinären Materialbasis können herkömmliche Narrationen der eurozentrischen Moderne, die Rolle der Museen wie auch die Rolle moderner Bewegungen (sog. Avantgarden) hinterfragt und neue Schichten in ihrer Komplexität betrachtet werden. Zum anderen bietet es Anknüpfungsstellen für die Forschung zur Moderne in einem globalen Zusammenhang. Dabei werden nicht nur unterschiedliche Bereiche dynamisch miteinander interagieren, sondern auch neue Formen der Öffnung und des Zugangs erprobt. Das AdA entwickelt zusammen mit Kooperationspartnern aus Wissenschaft, Forschung und Kunst neue wegbereitende Projekte in verschiedenen Formaten, die das Archiv mit Forschung und Kunst interdisziplinär agieren lassen.