Das HKW ist vom 07. bis 26. Januar geschlossen.

Kuratorisches Statement

Lassen sich Empfindungen restituieren? Können ethnologische Beobachtungen, Aufzeichnungen eines deutschen Schriftstellers „zurückgegeben” werden? Kann man die Blicke, die Hubert Fichte (1935–1986) auf die afro-diasporischen Kulturen geworfen hat, umdrehen? Welche Möglichkeiten eröffnen und an welche Grenzen stoßen ethnopoetische Selbstreflexion und eine utopisch gedachte schwule Sexualität als Forschungswerkzeuge?

Seit 2017 ist das Projekt Hubert Fichte: Liebe und Ethnologie diesen Fragen nachgegangen. Fichtes unvollendet gebliebene „Geschichte der Empfindlichkeit” war dabei der Ausgangspunkt: ein – je nach Zählung – 19- bis 24-bändiger Zyklus aus Romanen und anderen Texten, in dessen Zentrum die afro-diasporischen Künste und Religionen einerseits, eine global angelegte Utopie der (sexuellen) Sensibilisierung andererseits stehen. Doch einen Großteil seines potenziellen Publikums hat der Zyklus mangels Übersetzungen nie erreicht – Leser*innen in den von Fichte und seiner Lebensgefährtin Leonore Mau bereisten Orten entlang des Black Atlantic. Im Kontext von Liebe und Ethnologie wurden Texte aus der „Geschichte der Empfindlichkeit“ erstmals übersetzt und bildeten die Grundlage für kritische Auseinandersetzungen mit Fichtes Schreiben vor Ort. Ausgehend von diesen Übersetzungen entstanden Ausstellungen in Lissabon, Salvador da Bahia, Rio de Janeiro, Santiago de Chile, Dakar und New York durch verschiedene lokal aktive Kurator*innen und Künstler*innen.

Die Ausstellung im HKW schließt das Projekt ab. Sie trägt Beiträge aus den bisherigen Projektstationen zusammen und setzt sie ins Verhältnis zu zeitgenössischen Diskussionen über Avantgarde- und Ethnologiegeschichte sowie die konzeptuellen Grundlagen einer Revision des eurozentrischen Kanons in Kunst- und Wissensproduktion.

Hubert Fichte muss in Deutschland als ein Vorläufer heutiger postkolonialer und queerer Diskurse gelten. Aber er war beileibe nicht der einzige, der der ethnologischen Begegnung und der Überschreitung kultureller Grenzen mit poetischen Mitteln gerecht werden wollte – und sich dabei kritisch von der Transzendenz- oder Distanzbehauptung wissenschaftlicher Objektivität verabschiedete. Einzufordern galt es, das eigene Begehren in die Methodik der Darstellung einzutragen. Erklärtes Ziel seiner auf das Faktische abzielenden, materialistischen Poetik war es, die Trennung von Beschreibenden und Beschriebenen in einen „dialektischen Vorgang” der Sprache wie der Sexualität zu überführen.

Obwohl er bestimmte Fragen des Begehrens als ein Wissenwollen obsessiv verfolgte, gelang es Fichte dennoch, seine Ziele und Projekte einer fortlaufenden Revision zu unterziehen. Stabil blieben indes zwei Themen: erstens Westafrika, insbesondere die Bucht von Benin, als nicht nur Ursprung einer reichen, in der Diaspora weiter aufblühenden Kultur der Spiritualität und des Widerstands, sondern auch als direkte Quelle der ägyptischen und europäischen Antike – bezeugt „von meinem Freund Herodot”, dem reisenden Geschichtsschreiber der „Alten Welt”. Zweites Dauerthema Hubert Fichtes war die „älteste revolutionäre Bewegung“, die der homo- und bisexuellen Menschen.

Fichtes Vision einer „Verschwulung der Welt” und eines Programms der „Unreinheit” hat angesichts der andauernden Gewalt, die von heteronormativen Strukturen und identitären Grenzziehungen ausgeht, nicht an Relevanz verloren. Die Problematik von Fichtes Position, die in diesem Projekt herausgearbeitet wurde, verweist aber auch darauf, wie sich koloniale Strukturen und Machtverhältnisse noch in deren Kritik reproduzieren. Um Fichte als Agent der Dekolonisierung einsetzen zu können, muss nicht zuletzt auch Fichte selbst dekolonisiert werden.