Leben als Suchbegriff

Xavier Le Roy und Sophia Roosth im Gespräch mit Sascha Pohflepp

Vertrocknete mikrobielle Matten, Little Ambergris Cay | © Sophia Roosth, 2016

Vertrocknete mikrobielle Matten, Little Ambergris Cay | © Sophia Roosth, 2016

Gespräche verschränkt mit künstlerischen und performativen Strategien bilden die Struktur des dreitägigen Programms Lebensformen: Inmitten einer choreografischen Arbeit von Xavier Le Roy und Scarlet Yu erkundet Sophia Roosth in Forschungsgesprächen das Bedeutungsspektrum des Begriffs „Lebensformen“. Im Interview mit dem Künstler und Forscher Sascha Pohflepp diskutieren die Wissenschaftshistorikerin und der Choreograf, was als Leben gilt und welche Formen möglich erscheinen. Ein Gespräch über Künstliche Intelligenz, die an menschliche Grenzen stößt, genetische Algorithmen und transformative Performances.

Sascha Pohflepp: Die Auffassung von Leben hat sich im Laufe der Geschichte deutlich verändert. Suchen wir heute vielleicht gar nicht nach dem Leben selbst, sondern stattdessen nach etwas anderem und verwenden „Leben“ nur als Platzhalter – wie einen Suchbegriff?

Sophia Roosth: Es beeindruckt mich immer wieder, wie stark sich die Frage „Was ist das Leben?“ allein in den letzten 200 Jahren verändert hat. Angefangen bei der Vorstellung von Leben als Ablauf von Funktionen, die sich dem Tod widersetzen, bis hin zu Leben als negativer Entropie: Leben wurde immer wieder über seine Grenzen und Antonyme wie dem Unbelebten oder Anorganischen definiert. Momentan scheinen sich viele Schichten dessen, was als Leben gilt, von ihrem früheren Kontext abzulösen. Das liegt zum Teil an den Fortschritten der Gentechnologie und der Art und Weise, wie Rechnerleistungen und Big Data Eingang in die Lebenswissenschaften gefunden haben. Wenn das Leben eine derart unsichere Kategorie geworden ist, entstehen neue Formen und Definitionen, die auf Dinge Bezug nehmen, von denen gar nicht sicher ist, ob sie überhaupt als Leben zählen. Dadurch kann Form zu einem Platzhalter für alles Mögliche werden, wie etwa Komplexität oder Muster. Form und Leben schaukeln sich gegenseitig hoch – ihre Definitionen vermengen und trennen sich an bestimmten Punkten in der Entwicklung von Biologie und Lebenswissenschaften.

Xavier Le Roy: Mir gefällt die Idee von Leben als Suchbegriff. Es passt zu meinem Verständnis von Leben: Der Veränderungsprozess gehört immer dazu.

Sascha Pohflepp: Sophia, Sie unterrichten als Wissenschaftsanthropologin Wissenschaftsgeschichte, und Xavier, Sie als ausgebildeter Molekularbiologe arbeiten als Choreograf. Wie kam es zu Ihrer Beschäftigung mit Lebensformen? Und worum geht es in Ihren Beiträgen für die Veranstaltung im HKW?

Sophia Roosth: Mein Ausgangspunkt war Life Forms: A Keyword Entry. Stefan Helmreich und ich gehen in diesem Artikel dem nach, was in spezifischen Gemeinschaften jeweils genau als Leben gilt. Wir haben die Geschichte und Verwendung des Begriffs „Lebensformen“ im Vergleich zu „Formen des Lebens“ untersucht, einer traditionellen Vorstellung aus den Sozialwissenschaften. Wie hat sich unsere Auffassung dieses Begriffs im Laufe der Zeit verändert? Am HKW führe ich Gespräche mit ähnlich orientierten Theoretiker*innen aus den Geisteswissenschaften, den Sozialwissenschaften und den Künsten, um diese beiden Begriffe, „Leben“ und „Form“, gewissermaßen aufzusprengen und gleichzeitig herauszufinden, welche unterschiedlichen Vorstellungen sich davon über die Disziplinen hinweg herausgebildet haben.

Temporary Title, 2015, Carriageworks Sydney | © Peter Craig

Temporary Title, 2015, Carriageworks Sydney | © Peter Craig

Xavier Le Roy: Ausgangspunkt für uns ist die Arbeit Temporary Title, 2015. Sie dient als Einführung und Verknüpfung unserer Interventionen innerhalb der Veranstaltung. Die Arbeit ist als Ausstellung konzipiert, die Besucher*innen können kommen und gehen, wann sie wollen. Es geht dabei letztlich um zyklische Erfahrungen und Transformationen, die ständig stattfinden, aber nicht per se wahrnehmbar sind. Man folgt keiner bestimmten Richtung, eher ist es eine Situation, aus der heraus sich etwas aufbaut und wieder auflöst: Momente, in denen uns „Dinge“ zustoßen. Die Arbeit greift die Fragen, die im Zuge von Sophias Forschungsgesprächen aufkommen, auf und wirkt im Idealfall als Katalysator für weitere Fragen, die in diesem Rahmen diskutiert werden können.

Sascha Pohflepp: Wie spüren Sie in Ihrer Arbeit diesen transformativen Prozessen nach?

Xavier Le Roy: Es geht darum, Aufmerksamkeit auf Veränderungen zu richten, die weder sichtbar noch hörbar sind. Bewegungsweisen organisieren jeden Körper und seine Aktionen. Sie sind mit Handlungsabläufen verbunden, die sich von eben diesen Bewegungsprinzipien ableiten, und werden selbst von anderen Regeln hervorgerufen, die entscheidend sind für unsere Bewegungen und Beziehungen zu anderen Individuen, zur Gruppe, zum Raum oder zur Dauer eines Ereignisses. Wir komponieren Formen aus Bewegungsregeln. Wir suchen nach den Besonderheiten lebendiger Dinge und wie sie sich mit bestimmten Handlungsoptionen verändern. Diese Aktionen und Situationen entwickeln wir aus der Idee einer Landschaft heraus. Wir laden die Besucher*innen ein, sich in diese Landschaft hineinzubegeben und sie als Verbindung zu erleben: zwischen Reglosigkeit und Bewegung, Form und Formlosigkeit, zwischen dem, was als menschliche Gestalt erkennbar ist und was nicht, zwischen Distanz und Nähe, nackt und bekleidet.

Sascha Pohflepp: Sophia, welche Rolle spielen Größenordnungen, wenn man betrachtet, wie Menschen Seite an Seite mit anderen Akteur*innen arbeiten, die nahezu unsichtbar sind, wie zum Beispiel Mikroorganismen?

Sophia Roosth: Ich denke, Größenordnungen sind eine weitere Möglichkeit, wenn es darum geht zu beschreiben, welche Kräfte auf welcher Ebene wirken. In meiner Arbeit beschränke ich mich daher auch nicht auf eine rein anthropozentrische Sichtweise menschlicher Handlungen. Ich konzentriere mich auf nichtmenschliche, lebendige Akteure wie Mikroben oder Viren, aber auch auf unorganische Substanzen, Ansammlungen oder Strukturen.

Sascha Pohflepp: Sophia, Sie schreiben in Ihrem Artikel über das Leben als ästhetische, von unterschiedlichen Prozessen herrührende Möglichkeit. Welche Vorstellungen gibt es in der synthetischen Biologie von den in dem Artikel benannten „Zukunftstypen“? Welche Vorstellung entwerfen diese dezidiert an der Zukunft ausgerichteten Praxen davon, was Leben sein könnte?

Sophia Roosth: Ich denke, ein Großteil der konstruktiven Biologie – synthetische Biologie, in meinem Fall – eruiert zukünftige Definitionen von Leben durch die Entwicklung neuer Formen von Leben in der Gegenwart. Was genau macht die Definition von Leben aus oder welche Art von Leben haben wir schon erschaffen? In Untersuchungen, die ich aktuell mit Geobiolog*innen – Forscher*innen in den Erd- und Lebenswissenschaften – durchführe, wird das Leben anhand der tiefsten Vergangenheit definiert. Es geht dabei darum, große Zeitspannen zu ermessen. Wie denkt man über die Dauer von drei Billionen Jahren, egal in welche Richtung, über die Ästhetik des Lebens nach? Woran könnte in solchen Dimensionen das Leben erkennbar werden, zum Beispiel auf einer Erde oder in einer Landschaft – immer vorausgesetzt, das Leben passt sich an den Raum an, den es besetzt? Woher wüsste man überhaupt, wonach zu suchen wäre?

Stalaktitendetail in La grotte du Grand Roc, Périgord Noir, France | © Sophia Roosth, 2017

Stalaktitendetail in La grotte du Grand Roc, Périgord Noir, France | © Sophia Roosth, 2017

Sascha Pohflepp: Könnten Simulationstechniken wie Künstliche Intelligenz oder genetische Algorithmen die Suche nach der Form innerhalb des Lebens signifikant beeinflussen, weil sie über ein nichtmenschliches Vorstellungsvermögen verfügen? Könnten sie bei der Imagination von Formen sogar helfen und sie in das Möglichkeitsspektrum des Lebens zurückführen?

Sophia Roosth: Egal ob Künstliche Intelligenz oder generische Algorithmen, all diese Dinge sind menschengemacht. Sie agieren im Rahmen von menschlichen Konstrukten, menschlichem Design und menschlichen Schwachstellen; unsere Fragen sind immer durch die Konzeption des dahinterliegenden Programms beschränkt. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass in solchen Dingen wirklich das Potenzial für Überraschungen steckt. Der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger hat einmal über Experimente gesagt, sie seien Maschinen, die die Zukunft bauen, und sie seien auch Überraschungsmaschinen. Also haben diese Dinge in gewisser Hinsicht vielleicht etwas miteinander zu tun.

Sascha Pohflepp: Xavier, könnten Ihre Performances auch solche Maschinen sein oder sehen Sie das völlig anders?

Xavier Le Roy: Ich sehe das auch so. Eine menschliche Kreation wie eine „Maschine“ oder Künstliche Intelligenz ist einfach dadurch eingeschränkt, dass Menschen sie erdacht haben. Die Situation, die wir mit einer Performance entwickeln, ist dem nicht unähnlich. Es geht um eine lebendige Form, deren Gestalt von ihren eigenen Regeln und Zielen definiert wird. In unserer Choreografie versuchen wir so aufzutreten, dass unsere Performance nicht auf die Ausführung von Aufgaben reduziert ist – zumindest nicht auf solche, von denen wir wissen, wie sie aussehen. Wir versuchen Situationen herbeizuführen, in denen sich Formen und Ereignisse entwickeln können oder uns und dem Publikum passieren. In solchen Momenten performen die Regeln uns genauso wie wir sie. Vielleicht ähnelt das ein wenig einer Maschine, die Überraschungen produziert, die eben nicht unbedingt ein intendiertes Nebenprodukt sind. Es ist der Versuch, unser Verständnis von menschlichen Möglichkeiten in Frage zu stellen oder herauszufordern, aber mit der Einschränkung, dass diese ebenso von Menschen festgelegt sind. Dabei können nichtsdestotrotz unerwartete Formen und Beziehungen entstehen zwischen uns sowie zwischen den Darsteller*innen und dem Publikum.