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Konzeptionelles Statement

Im Rahmen des HKW-Langzeitprojekts Das Neue Alphabet untersucht das HKW bis 2021, welche Wissenssysteme wichtig sind, um sich in der heutigen Welt orientieren zu können. Die Kulturelle Bildung setzt ihren Fokus dabei auf Körperalphabete. Wichtige bildungspolitische Aspekte wie intersektionelle Pädagogik oder schulische Antirassismusarbeit lassen sich in diesem Kontext gut diskutieren. Welche Haltung wollen wir in der Bildungsarbeit einnehmen? Diese Grundfrage entstand bei der Konzeption von Körper lesen! in Konversationen mit dem Bildungsteam der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig. Zum einen bezeichnet Haltung eine bewusste inhaltliche oder politische Verortung, zum anderen einen körperlichen Zustand. So wuchs unser Interesse für Körpersemiotik und Körperepistemologie.

Die Wortschöpfung „Körperlesekunde“ oder „Corpoliteracy“ stammt aus dem Berliner Kunstraum SAVVY Contemporary. Im zur documenta 14 erschienenen Band eine Erfahrung beschreibt Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Gründer und Künstlerischer Leiter des SAVVY, sein Interesse an der „Möglichkeit einer Körperlesekunde (corpoliteracy), die den Körper als Forum, Bühne, Schauplatz und Medium des Lernens, als Wissen ansammelndes, speicherndes und weitergebendes Gefüge oder Organ kontextualisiert. Daraus ergibt sich, dass der Körper nicht ausschließlich mit dem Gehirn gleichgeschaltet, sondern auch unabhängig von ihm erinnerungsfähig ist, dass er erworbenes Wissen performativ, also durch das Prisma von Bewegung, Tanz und Rhythmus behalten und weitergeben kann.“ Für diesen inhaltlichen Impuls, mit dem wir in diesem Programm weiterarbeiten, sind wir den Kolleg*innen im SAVVY sehr dankbar.

Das dem Körper innewohnende Wissen ist kulturell geprägt, Körper sind kulturell codiert; in ihnen manifestieren sich Macht- und Dominanzverhältnisse. Der Philosoph Michel Foucault beschreibt den Körper als ein Archiv, in dem sich historisch bedingte unterschiedliche Körperbilder und Körperkonzepte materialisiert haben.

Auch die Grenzlinie zwischen "normalem" und "nicht normalem" Körper, zwischen alt und jung, be_hindert und nicht be_hindert, gesund und krank ist Ergebnis ständiger Aushandlungen durch gesellschaftliche Kollektive und politische Rahmenbedingungen.

Vielen Versuchen, den Körper zu begreifen, berechenbar zu machen, zu optimieren und schließlich in den Schranken einer Norm einzuhegen, widersetzt er sich, indem er erkrankt, altert, sich binären Kategorien entzieht und am Ende sogar stirbt.

Genau hier setzen verschiedene Industrien an, die Widrigkeiten des Körpers zu überwinden, bis hin zur Idee des Transhumanismus.

Heute empfinden viele Menschen durch medialen Druck, dass ihre Körper nach Schönheit, Singularität und Leistungsfähigkeit streben müssen, um in den auf Effizienz und Wachstum ausgerichteten Gesellschaften bestehen zu können.

Hält der Körper diesen Imperativen nicht stand, helfen außer Sport, Medizin und Ernährung die digitalen Filter der „sozialen Medien“, die eigene Strahlkraft technisch zu verstärken. Gefühle von Zugehörigkeit, Normalität und Akzeptanz werden hier in Klickzahlen und Likes quantifiziert; deren Ausbleiben befeuert den Optimierungsdrang weiter.

Unrealistische Körperideale führen nicht nur zu Stress, sondern vor allem zu Zuschreibungen und Ausschlüssen. Rassismus, Gender-Diskriminierung, Ausgrenzung von alten, be_hinderten und kranken Körpern sind die Folge.. Wie kann die Kulturelle Bildung dazu ermächtigen, die hier beschriebenen Mechanismen zu erkennen oder gar zu durchbrechen? Kann Körperlesekunde helfen, neue Formen von Bildung in Kitas, Schulen, Universitäten und Kulturinstitutionen zu entwickeln, die den Lebensrealitäten vieler Menschen Rechnung tragen? Kann eine geschulte Kundigkeit beim Lesen von Körpern dabei helfen, Vorurteile und Ressentiments abzubauen? Diesen und weiteren Fragen geht das Programm durch Beiträge künstlerischer, akademischer und pädagogischer Auseinandersetzung nach.

Es will Ansätze vorstellen und diskutieren, selbstermächtigt und differenziert mit dem eigenen und anderen Körpern umzugehen, sowohl im analogen als auch im digitalen Raum. Die Beiträge umfassen detaillierte Analysen, aber auch vergnügliche Übungen und Experimente für ein breites Publikum ab etwa 16 Jahren.

Expert*innen aus verschiedenen pädagogischen Disziplinen evaluieren die zwei Veranstaltungstage und erarbeiten im Anschluss Handlungsempfehlungen für körperleskundige Bildungspraktiken. So hoffen wir, Impulse für die Arbeit der Kulturellen Bildung am HKW sowie unseren Partnerinstitutionen zu setzen.

Daniel Neugebauer
Eva Stein