Das ganze Leben. Ein Archiv-Projekt

Das ganze Leben. Ein Archiv-Projekt stellt die Frage, was Archive für heutige Gesellschaften leisten und wie sie sie prägen: Wie werden historische Erzählungen in gegenwärtige Realitäten übersetzt? Lässt sich die Komplexität historischer Prozesse, Biografien und Netzwerke überhaupt archivieren und welche Erzählungen werden für die Zukunft ausgeschlossen?

Ausgangspunkt für das interdisziplinäre Kooperationsprojekt ist ein Netzwerk aus vier Institutionen aus unterschiedlichen Archivkontexten: Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. / Archive außer sich, Haus der Kulturen der Welt, Pina Bausch Foundation und Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD). Jede dieser Institutionen arbeitet beispielhaft an der Entwicklung neuer Zugänge und Kontextualisierungen ihrer Bestände. In der Kooperation erproben sie neue Strategien des Umgangs mit Archiven mit Archivierungs-, Forschungs- und Erzählpraxen. Gemeinsam arbeiten sie an neuen Verfahren und theoretischen Ansätzen im Umgang mit Archiven und ihrer Sichtbarmachung.

Grundlage für das erste gemeinsame Projekt Das ganze Leben. Archive und Wirklichkeit (2019) war die Transformation des Archivs der Avantgarden (AdA) der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden von einer privaten Sammlung in ein öffentliches Archiv, das 2023 sein neues Domizil im historischen Blockhaus in Dresden beziehen wird. Dieser Prozess wirft zahlreiche klassische Fragen nach dem Status von Archiven und ihren Beständen auf, nach ihren institutionellen Strukturen und ihrer Bedeutung in Bezug auf spezifische lokale Kontexte. Das einwöchige Programm in Dresden setzte sich am Beispiel dieses aktuell entstehenden Archivortes mit den zeitgenössischen Methoden, Ordnungen und Bedingungen von Archiven auseinander.

In diesem Zusammenhang wurde auch die internationale Whole Life Academy für interdisziplinäre Forscher*innen ins Leben gerufen. In ihrem Zentrum stehen alternative Archivstrukturen, marginalisierte oder subversive Archivpraxen und ihr Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und Diskursen. Die Akademie verbindet Exkursionen, Seminare, Vorträge, Archivforschung und Präsentationen zu einem nomadischen Curriculum, das Theorie, Praxis und Feldforschung an unterschiedlichen Orten miteinander in Bezug setzt.

Der Abschluss des Projekts findet 2022 in Berlin im HKW statt. Hier werden die Kernthemen des Projekts reflektiert: Was ist die gesellschaftliche Bedeutung und die Sozialität von Archiven? Wie reproduzieren Archive historische Denkstrukturen? Wie hängen digitale Kultur und Strategien der Dekolonisierung im Archivwesen zusammen? Wie sehen die Archive des Anthropozäns aus? Eine Ausstellung künstlerisch forschender Fallstudien, ein Programm der Whole Life Academy und ein Kongress führen die Projekte, Institutionen und Akteur*innen der Langzeitinitiative zusammen.