Fr, 02. Oktober 2015

Trauma: Die Sprache der Technosphäre

The Technosphere, Now

Foto: Andreas Meichsner

Foto: Andreas Meichsner

Mit Rana Dasgupta, S. Løchlann Jain, Clapperton C. Mavhunga, Matteo Pasquinelli, Lucy A. Suchman

Was geschieht, wenn das Technische mit dem Natürlichen um die Gestaltung der Welt konkurriert? Der Auftakt eines vierjährigen Forschungsprojekts untersucht, wie sich im Anthropozän menschliche, planetarische und technologische Kräfte zum gegenwärtigen Weltgefüge – der Technosphäre – verschalten.

Wie schreibt sich die Technosphäre in den individuellen Körper ein? Wie strukturiert er sich neu in einer komplexen Maschinerie von Instrumenten, Techniken und Simulationen? Und welche Verletzungen, welche Reibungsflächen ergeben sich daraus? Fünf Präsentationen, Lecture-Performances und Gespräche erkunden das Trauma als eine Möglichkeit, den Einfluss der Technosphäre auf individuelle Körper zu verstehen. Die grundlegende Prämisse dabei ist, dass die Technosphäre sich im Trauma und durch dieses offenbart. Fasst man all diese Untersuchungen zusammen, so bieten sie sowohl ein Bild menschlicher Verletzlichkeit in und angesichts der Technosphäre als auch ein Schema, nach dem weltweite Prozesse sich in einzelne Körper einschreiben.

In einer Lecture Performance untersucht die Anthropologin S. Løchlann Jain, wie Warenwelt und Gewalt einander in der Technosphäre bedingen. Die Gesellschaft wendet, so Jain, immer mehr Geld für Technologie auf, die den Straßenverkehr sicherer machen soll. Diese Sicherheit wird jedoch durch Daten definiert, die Menschenleben auf die eng gefassten technischen, wirtschaftlichen und sogar ästhetischen Maßgaben der Autoindustrie reduzieren. Wo verlaufen die Grenzen solcher ästhetischer Verwertung von Begriffen wie Beweis, Demonstration und von Datenerhebung überhaupt, wenn es um Unfälle und Verkehrstote geht?

Haben wir noch irgendeine reale „Erinnerung“ an traditionelle Beziehungen zur Erde, zur Natur und zur Gesellschaft als solcher? Könnte man sagen, dass der Verlust solcher Erinnerungen ein Trauma darstellt? Und falls ja: Wie äußert sich dieses Trauma im Leben einer Gesellschaft? In dieser Gesamtschau folgt der Schriftsteller Rana Dasgupta den Datenpfaden der Technosphäre von ländlichen Handwerkskulturen Indiens bis hin zu den neuen Kulturen der globalen Begierde, mit Zwischenstopps bei Facebook und in Hollywood.

Was geschieht, wenn der Krieg von Fleisch und Blut in die Datenwelt verlagert wird? In ihrem Vortrag untersucht die Anthropologin Lucy A. Suchman ausgehend von einer genauen Betrachtung der virtuellen, zur Vorbereitung amerikanischer Soldaten auf den Krieg im Irak entwickelten Flatworld, was reale und imaginäre Traumata miteinander verbindet.

Inwieweit bestimmt der Kampf gegen den Kolonialismus die Grenzen der Technosphäre? In seinem Beitrag untersucht der Technikhistoriker Clapperton C. Mavhunga, wie die traumatischen Folgen des Kolonialismus in Simbabwe zum Ausgangspunkt für spezifische, dort entstandene Formen von Politik und Technologie wurden.

Matteo Pasquinelli entwirft eine Archäologie des kybernetischen Gehirns und seiner Entwicklung aus den Forschungen des deutsch-jüdischen Neurologen Kurt Goldstein in der Zwischenkriegszeit, um die vielfältigen Potenziale und Ursprünge unseres Zeitalters „intelligenter Maschinen“ zu beleuchten.