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Fr, 02. Oktober 2015

Phosphor: Eine Apparatur der Technosphäre

The Technosphere, Now

Foto: Andreas Meichsner

Foto: Andreas Meichsner

Mit Lino Camprubí, Zachary Caple, Gregory T. Cushman, Heather Davis, Scott Knowles, Arno Rosemarin, Katrina Schwartz und Frank Uekötter

Was geschieht, wenn das Technische mit dem Natürlichen um die Gestaltung der Welt konkurriert? Der Auftakt eines vierjährigen Forschungsprojekts untersucht, wie sich im Anthropozän menschliche, planetarische und technologische Kräfte zum gegenwärtigen Weltgefüge – der Technosphäre – verschalten.

In der Technosphäre wird Materie zu Energie, Menschen werden zu Instanzen metabolischer Prozesse, alles wird zum Rohstoff weiterer Verarbeitung. Doch wie kann dieses durch unsere Körper verlaufende Netzwerk von Flüssen und Strömen sichtbar gemacht werden? Die Dynamik dieses Prozesses soll in dem Forschungsgespräch PHOSPHOR durch die „Apparatur des Phosphor“ erkundet werden, einem ineinander verschlungenen technologisch-politisch-ökologischen System, das rohes Phosphatgestein in eine für die Landwirtschaft unentbehrliche Ressource verwandelt. Die Abläufe dieser Apparatur liegen den modernen Nahrungsmittelketten und dem Bevölkerungswachstum zugrunde, sie wirken sich zunehmend katastrophal auf die globalen Wasserkreisläufe aus, sie verbinden abgelegene Bauernhöfe mit weltumspannenden biopolitischen Mächten. Auf Einladung des Kulturanthropologen Zachary Caple, der Kunst- und Geisteswissenschaftlerin Heather Davis und des Politikhistoriker Scott Knowles stellen Expert*innen diese Prozesse in ihrer wissenschaftlichen Spezifizität, Potential für künstlerische Interventionen, kulturellen Bedeutung und grundlegenden Auswirkung auf die Umwelt zur Diskussion. In Gesprächen, filmischen Dokumenten und Demonstrationen wird anhand des kritischen Elements Phosphor eine Indizienkette biopolitischer Transformationen und globaler Netzwerke freigelegt.

Intro: Zachary Caple und Arno Rosemarin
Phosphor ist ein Element, an dem sich die Reichweite der Technosphäre bis weit in die Bereiche von Natur und Kultur in einzigartiger Weise darstellen lässt. Phosphor ist ein essentieller Grundstoff allen Lebens: es findet sich in Knochen, der DNA, RNA und im energieregulierenden Molekül Adenosintriphosphat. Die Ernährung der Menschheit ist von seiner industriellen Zirkulation abhängig. PHOSPHOR erörtert die Verflechtung technischer, irdisch-natürlicher und kultureller Prozesse, die den Phosphorzyklus beschleunigt und das Agrarozän düngt.

1. Akt: Source: Geschichten und Zukünfte des Phosphatabbaus
Liegt die Zukunft der Technosphäre weniger im Silizium als im Phosphatgestein? Gregory Cushman, Lino Camprubí und Scott Knowles verfolgen die Geschichte des Phosphors indem sie den Phosphatabbau und den mit ihm verbundenen Geopolitik in den Blick nehmen. Wie arbeiten Unternehmen und Staaten zusammen an der Transformation der Lithosphäre in landwirtschaftlichen Profit? Wie legt der Phosphatabbau die Fugen von Nationen und Einflusssphären offen?

2. Akt: Bonds: Das Agrarozän düngen.
Aus dem Weg, Anthropozän, hier kommt das Agrarozän. Der Kulturplanzenanbau ist die kritische Technologie, mit der die Lithosphäre in menschliche Körper transformiert wird. Abgebauter Phosphor nährt die Saat, die wiederum den Menschen und seine Nutztiere ernährt. Was für eine Art Futtermaschine ist der Ackerbau? Ausgehend von Hunter S. Thompsons Angst und Schrecken in Las Vegas als Schablone nimmt der Umwelthistoriker Frank Uekötter die Abhängigkeits- und Suchtverhältnisse zwischen Landwirten, Dünger und Industrie in den Blick.
Mit einem Videobeitrag von Anna Tsing

3. Akt: Sink: Nährstoffanreicherung und biologischer Abfall
Das Agrarozän hat Konsequenzen. Was der Fruchtbarkeit dienen soll, versickert in Gewässer und schädigt aquatische Ökosysteme. Die Phosphatbelastung durch Zuckerrohrplantagen verwandelt die Everglades in eine biologische Wüste. Im interaktiven Gespräch mit Heather Davis erörtert die Sozialwissenschaftlerin Katrina Schwartz die Technopolitiken und ökologischen Verschiebungen, die Phosphor in diesem unersetzbaren Ökosystem auslöst.
Die Industrialisierung des Phosphorkreislaufs erzwingt noch eine weitere Frage: Sind Menschen die ultimative Nutzpflanze? Nachhaltigkeitswissenschaftler Arno Rosemarin untersucht den Schlusslauf der Phosphorreise: menschliche Körper und ihre Exkremente. Wie können Menschen die Technosphäre so rekonfigurieren, dass sich der unterbrochene Phosphorkreislauf wieder schließt? Die Knappheit des abbaubaren Phosphors und die weltweite Krise großflächiger Eutrophierung, der schädlichen Nährstoffanreicherung in Gewässern, verlangen danach, jene wertvolle Ressource neu zu betrachten, die täglich in den Kläranlagen landet.

4. Akt: Phosphorus Technosphere: Die Zusammensetzung der Apparatur
Wie verknüpfen sich die Elemente des weltweiten Phosphorgeflechts zu einer technosphärischen Gewalt? In einer abschließenden Runde bewerten die Teilnehmer jene weltumspannende Apparatur, die sie zuvor zusammengesetzt haben und hinterfragen, ob und wie man sie demontieren könnte und sollte. Moderation: Zachary Caple.