Fr, 02. Oktober 2015

Datum: Über das Kalkül der Technosphäre

The Technosphere, Now

Foto: Andreas Meichsner

Foto: Andreas Meichsner

Mit Peter K. Haff, Mark B. N. Hansen, Jennifer Gabrys, Donald MacKenzie, Birgit Schneider, Mushon Zer-Aviv

Was geschieht, wenn das Technische mit dem Natürlichen um die Gestaltung der Welt konkurriert? Der Auftakt eines vierjährigen Forschungsprojekts untersucht, wie sich im Anthropozän menschliche, planetarische und technologische Kräfte zum gegenwärtigen Weltgefüge – der Technosphäre – verschalten.

Daten – schriftliche Spuren, die die belebte Welt auf ihre Kalkulierbarkeit reduzieren – definieren die Beziehung der Technosphäre zu sich selbst und zur Welt, die sie umgibt. Doch wo sind Daten auffindbar? Wie verändern sie unser Gemeinwesen oder ihre eigenen biologischen Grundlagen? Und wie verflechten sich Artefakte, Ökologien, Finanzwesen und das Leben selbst zu einem kalkulierbaren, vernetzten und sich selbst erhaltenden System? Datenumgebungen schaffen einen operativen Rahmen, um zwischen verschiedenen Skalierungen und Ebenen der dinglichen Welt abzuwägen und bestimmte Größen über Zeit und Raum hinweg auszutauschen. Daten als Kontroll- und Strukturelement im globalen System der Technosphäre zu denken, bedeutet, Daten als infrastrukturelle Grundinstanzen begreifbar zu machen.

Statt Daten als eindeutige und objektive Vergleichswerte zu betrachten, erforschen wir sie gemäß ihrer Erscheinungsformen und Metamorphosen: Sind Daten Werkzeug, Argument, Beweis oder gar Waffe? Welche visuellen oder andersartigen Spuren hinterlassen sie? Wie und von wem werden Daten sichtbar oder unsichtbar gemacht – und wer profitiert davon?

In DATUM verhandeln Wissenschaftler*innen in zwei multimedialen Polylogen die Rolle von Daten in unserer heutigen Welt und Fragen von Steuerbarkeit, Autonomie und Wirkmacht in der Technosphäre. „DATUM I: Über die Autonomie der Technosphäre“ stellt dabei drei unterschiedliche Sichtweisen auf Daten einander gegenüber – auch diejenige der Daten auf sich selbst. „DATUM II: Datenwelten“ hingegen untersucht die Arten und Weisen, in denen Daten eingesetzt werden, um Welten zu erzeugen und zu zerstören.

Datum I – Über die Autonomie der Technosphäre

Treiben Menschen, Währungen und Moleküle nur als beliebig viele, austauschbare Datenschnipsel durch die Technosphäre? In diesem Vortrag erörtert der Geophysiker Peter K. Haff die wissenschaftlichen Grundlagen einer möglichen Technosphären-Definition. Grundlagen, die zugleich die Bewegung aller lebenden und nicht lebenden Wesen sowie aller gesellschaftlichen und „natürlichen“ Entitäten, die Teil dieser Ströme sind, mit erfassen.

Wenn Politik ein Prozess ist: Sind Daten dessen Medium? Unter den Bedingungen der Technosphäre verflechten sich Daten in jeder Etappe des politischen Handelns mit Praktiken, Wahrnehmungen und Mitbestimmung. In diesem Vortrag geht die Kommunikationswissenschaftlerin Jennifer Gabrys der Frage nach, wie Bürgerinitiativen zur Umweltbeobachtung den Daten gleichsam „Leben einhauchen“, sie also mit bestimmten Modi der Wahrnehmung und Aktion aufladen, die in Konkurrenz zu ihrer traditionellen wissenschaftlichen Auslegung treten (und diese ergänzen).

Kann Big Data, die große Datenschwemme, träumen? In dieser Analyse des Kunstwerks Mirage von Ralf Baecker untersucht der Medientheoretiker Mark Hansen die disparaten Maßstäbe und Typen geophysischer, neuronaler, numerischer und ästhetischer Daten, die gegenwärtig die Technosphäre beseelen. Er stellt die Frage, welche Oberflächen oder Umwelten zum Träumen aus solchen Daten hervorgehen, ob Computer diese Träume erschließen können und wie Menschen einander diese Daten mitteilen könnten.

Datum II: Datenwelten

Wie viel sind ein paar Tausendstelsekunden in der Technosphäre wert? Der Finanzsoziologe Donald MacKenzie untersucht, wie die Verarbeitung von Finanzdaten in winzigsten Zeitabschnitten Reichtum erzeugt und das Geflecht der Technosphäre hervorbringt. Indem er sein Augenmerk auf die Infrastruktur und Geografie des Hochfrequenzhandels legt, fördert er die verborgenen Materialitäten und Geografien der Technosphäre zutage.

Am 7. Dezember 1972 schwebte das Raumschiff Apollo 17 genau am Zenith zwischen Sonne und Erde und ermöglichte so den ersten Blick eines Menschen auf die Erde als ganzen, großen runden Globus im All. Das Bild der Erde, das die Astronauten mitbrachten, ist heute eines der berühmtesten Fotos aller Zeiten. Der Medienaktivist und Gestalter Mushon Zer-Aviv geht der Frage nach, was uns die Geschichte dieses Bildes und seiner Manipulationen über die kulturellen Ursprünge der Daten erzählt.

Lässt sich Klima berechnen? Die Kunsthistorikerin Birgit Schneider nimmt uns mit auf eine Rundreise entlang der von Alexander von Humboldt in den Jahren 1816 und 1817 aufgezeichneten nordamerikanischen Klimadaten. Sie geht dabei der Frage nach, welche ästhetischen, politischen und technischen Faktoren deren Ausgestaltung zu einem Bild der Erde geprägt haben. Wie kann uns bereits der Eintrag eines einzigen Wetter-„Datums“ etwas Neues über die Welt erzählen und zugleich das Bedürfnis nach weiteren Daten und deren Vereinheitlichung nähren?