Michael Krüger

Jurymitglied und Laudator des Internationalen Literaturpreises 2015

Michael Krüger | © Santiago Engelhardt

Michael Krüger | © Santiago Engelhardt

Michael Krüger, geb. 1943 in Sachsen Anhalt, wuchs in Berlin auf und lebt heute in München. Er war viele Jahre lang geschäftsführender Verleger des Carl Hanser Verlags in München, mehr als dreißig Jahre Herausgeber der Zeitschrift „Akzente“, der Buchreihe „Edition Akzente“ und der Reihe „Lyrik Kabinett“. Seit den siebziger Jahren veröffentlicht er Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte, für die er u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis, dem Mörike-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Prix Medicis étranger ausgezeichnet wurde. Zur Zeit ist er Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und im Frühjahr 2015 Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin.

Laudatio auf Amos Oz und Mirjam Pressler

Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mirjam,
dear Amos,
meine Damen und Herren –

keiner unter Ihnen – und schon gar nicht diejenigen, die uns der Einfallslosigkeit geziehen haben, weil wir ein bereits durchgesetztes Buch prämiert haben – soll uns der Leichtfertigkeit bezichtigen. Können Sie sich vorstellen, dass wir rund einhundertundachtzig Romane in drei Monaten lesen sollten und tatsächlich gelesen haben? Können Sie sich die Qual vorstellen, auch sehr gute Bücher auszusondern, weil sie den speziellen Ansprüchen des Preises nicht genügten? Und können Sie sich die unterdrückten Verwünschungen vorstellen, wenn bei einer der Sitzungen unserer Jury gerade die Bücher keine zweite Stimme erhielten, die man für besonders innovativ, politisch inkorrekt, in sozialer Perspektive wichtig, also in jeder Hinsicht für preiswürdig hielt? Dass wir unsere an eine Metzelei erinnernde Juryarbeit dann doch in friedlicher Form gelöst haben, ist einzig und allein unserer guten Erziehung zu verdanken.
Während der nächtelangen Lektüre musste ich an einen Satz denken, den Walter Benjamin am Anfang seiner Rezension von Döblins „Alexanderplatz“ notiert: “Nichts trägt so sehr zum gefährlichen Verstummen des inneren Menschen bei, nichts tötet den Geist des Erzählens so gründlich ab wie die unverschämte Ausdehnung, die in unser aller Existenz das Romanlesen annimmt.“

Der kluge Walter Benjamin wusste,dass man durch Überpointierung sich im Gedächtnis der Leser verhakt. Denn er wusste natürlich auch, dass an der Vertreibung des Geists der Erzählung aus unser aller Existenz nicht ausschließlich der moderne Roman verantwortlich zu machen ist. Der Vorwurf selber war ja nicht neu. Mit dem Triumph des Romans im neunzehnten Jahhundert kam immer wieder dieser Vorwurf zur Sprache, er sei Ersatz für das nicht mehr glückende Leben; wo im allgemeinen Kontingenz herrsche und reine Willkür, biete er eine ästhetische Form, die mit der schlechten Wirklichkeit versöhnen solle.
Aber wo ist dieser ominöse, nicht zu fassende Geist der Erzählung, der aus dem Mündlichen kommt und sich nur schwer an die Bücher gewöhnen konnte, abgeblieben? Hat die Romanflut, die jedes Jahr in unverschämter Ausdehnung über uns hereinbricht und der man sich nur durch konsequentes Ignorieren entziehen kann, ihn tatsächlich umgebracht? Wenn man einen bestimmten modernen Romantypus, ich nenne ihn mal den Euro-Roman: dreihundert Seiten, 19,90, soziales Thema, gut ausgewogen und abgehangen und flott erzählt, psychologisch einwandfrei und im Plot verständlich - wenn man diesen Typus im Auge hat, dann hat Benjamin unbedingt Recht: es gibt diesen am Reißbrett hergestellten, einzig und allein der Unterhaltung dienenden Roman, der sich auch noch problemlos übersetzen lässt. Er braucht den Geist der Erzählung nicht, seine Autoren und Autorinnen meiden ihn gar wie der Teufel das Weihwasser. Problematisch an diesen Büchern ist nur, dass sie ernst genommen werden.

Und dann gibt es, gottseidank, jedes Jahr wieder die Ausnahmen. Sechs Ausnahmen haben wir für unsere Shortlist aus dem Bücherberg herausgezogen, sie wieder und wieder besprochen, gedreht und gewendet, Plus- aber auch Minuspunkte addiert, und zum Schluss hiess das Buch, auf das wir uns alle einigen konnten, “Judas“.

Alle hatten es gelesen, alle hatten über es gelesen, alle wussten, dass die Presse uns vorwerfen würde, mit dem Speck nach der Wurstseite werfen zu wollen, aber trotzdem blieb es dabei: Judas, der Verräter, der für lächerliche dreißig Silberlinge den Herrn ausgeliefert und damit – so behauptet es jedenfalls eine der Personen im Roman von Amos Oz - die Passionsgeschichte als Erfüllung von Gottes Heilsplan erst ermöglicht hat, hatte am Ende gewonnen.
Es brauchte nicht mehr als einen Kuss, um das gewaltige und erbarmungslose Räderwerk der Geschichte in Gang zu setzen. Der Kuss des Judas hat das Gesicht der Erde so vollständig verändert, dass wir die Zeit in die Zeit davor und die Zeit danach einteilen mussten, um den Überblick zu behalten. Soll er wirklich nur als Verräter in unserem Gedächtnis bleiben? Wir kennen diese opake Kippfigur aus unserer jüngsten Geschichte zur Genüge.

Und wie wenig braucht es, um einen großen Roman zu schreiben. Der Ort: ein altes, etwas heruntergekommenes Haus am Rand von Jerusalem; die Zeit: der Winter des Jahres 1959 /1960; die Personen: Schmuel Asch, fünfunddzwanzig Jahre alt, Sozialist und Asthmatiker, schnell zu begeistern und leicht zu enttäuschen; Atalja Abrabanel, um die fünfzig, Tochter eines Nationalrats und Mitglieds der Jewish Agency, der als vehementer Gegner der Staatsgründung von Ben Gurion kaltgestellt worden war; sie ist Witwe des einzigen Sohns von Gerschom Wald, dem Dritten im Bunde, einem alten, gehbehinderten Zausel mit einem großen Herzen, dem das seltsame Haus gehört. Drei Generationen unter einem Dach, wohl voneinander getrennt. Schmuel wohnt mit seinen Plakaten von Che Guevara in der Mansarde, Atalja im ersten Stock, Gershom Wald mit seinen,wie es heißt: hässlichen Händen, im Parterre. Und zwischen den Stockwerken wohnen die Toten, die alle ein gewichtiges Wort mitzureden haben wie in allen Büchern von Amos Oz.

Schmuel, der sein Studium und seine Doktorarbeit über Jesus in der Perspektive der Juden wegen des Bankrotts der elterlichen Firma aufgegeben hat, dem die Liebste weggelaufen ist, um einen vollkommen uninteressanten Emporkömmling zu heiraten, hat sich bei dem Alten als Unterhalter und Vorleser verdingt, bei Kost und Logis und einem geringen Entgelt, und da der Geist der Erzählung in diesem Buch sich eingenistet hat, foltert einen schon nach wenigen Seiten die Romanleserfrage, ob er mit der schönen, spöttischen, vor allen Dingen aber unnahbar scheinenden Witwe, doppelt so alt wie er, ein Verhältnis beginnen wird oder nicht. Nachts träumt er allerdings nicht von ihr, sondern davon, dass es ihm nicht gelingt, Stalin zu erklären, warum die Juden Jesus abgelehnt haben und bis heute immer noch auf dieser Ablehnung beharren, woraufhin der überzeugte Sozialist Schmuel vom großen Genossen Stalin als Judas bezeichnet wird.

Das ist das Kammerspiel, die aristotelische Einheit von Ort und Zeit. Aber dieser Roman spielt wenige Jahre nach der Staatsgründung Israels und dem Sinaikrieg, und das heißt, jede dieser Personen, die wunderbar konkret in ihren Bedürfnissen und Wünschen, Schwächen und Gebrechen geschildert wird, ist zugleich eine emblematische Figur, die auch für bestimmte politische und moralische Positionen einstehen muss. Der Alte, Gerschom Wald, preist, wie er es nennt, den grausamen Realismus Ben Gurions, der gegen alle Widerstände den Staat gegründet hat, der durch diese Gründung bis heute nicht zur Ruhe kommt.

Schealtiel Abrabanel, Ataljas Vater, versuchte vergeblich, Ben Gurion 1948 davon zu überzeugen, es sei noch immer möglich, durch ein Abkommen mit den Arabern die Briten zu vertreiben und ein gemeinsames Land für Araber und Juden zu gründen, wenn man auf die Idee eines jüdischen Staates verzichten würde.
Schmuel, der Weltverbesserer, ist ganz auf Abrabanels Seite, wenn er vor dem alten Wald bekennt: “Mit dem Sinai-Feldzug hat Ihr Ben Gurion Israel zwei Kolonialmächten an den Schwanz gehängt, die zum Untergang verurtelt sind, Frankreich und England, und damit hat er nur den Hass der Araber auf Israel verstärkt und die Araber endgültig davon überzeugt, dass Israel ein Fremdkörper in dieser Region ist, ein Werkzeug des internationalen Imperialismus.“
Darauf antwortet Wald: “Auch ohne Sinai-Feldzug haben Ihre Araber Israel nicht geliebt...“
Und Schmuel: “Und warum sollen sie uns lieben? Warum glauben Sie, die Araber hätten nicht das Recht, mit aller Kraft gegen die Fremden loszugehen, die plötzlich aufgetaucht sind wie von einem anderen Stern und ihr Land und ihren Boden weggenommen haben, ihre Felder und Dörfer und Städte, die Gräber ihrer Vorfahren und das Erbe ihrer Söhne? Wir reden uns ein, wir wären nur ins Land gekommen, um aufzubauen und erbaut zu werden, um hier zu leben, wie wir es früher taten, um das Erbe unserer Vorväter zu befreien und soweiter, aber sagen Sie mir, ob es ein einziges Volk auf der ganzen Welt gibt, das mit offenen Armen eine so plötzliche Invasion Hunderttausender Fremder aufnehmen würde, Millionen Fremder, die von weit her kommen und die seltsame Behauptung aufstellen, dass in ihren heiligen Büchern, die sie aus der Ferne mitgebracht haben, ihnen und nur ihnen das ganze Land versprochen wurde?“

Gleich in diesem ersten politischen Gespräch zwischen dem Alten und dem sozialistischen Träumer Schmuel Asch kommen auf drei Seiten alle Probleme auf den Tisch, die mit der Staatsgründung verbunden waren und die bis heute nicht gelöst worden sind, denn, in den Worten Schmuels: “Die Wahrheit ist, dass alle macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden. Mit aller Macht der Welt kann man einen Fanatiker nicht zu einem aufgeklärten Menschen machen. Und mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existentiellen Probleme Israels: einen Feind zum Liebenden zu machen, einen Fanatiker zu einem Gemäßigten, einen Rachsüchtigen zu einem Freund. Habe ich damit gesagt, dass wir keine militärische Macht brauchen? Keineswegs. So etwas Dummes würde mir nicht einfallen. Ich weiß so gut wie Sie, dass unsere Macht, unsere militärische Macht, in jedem Moment, auch jetzt, da wir miteinander diskutieren, zwischen uns und dem Tod steht.“
In dem langen kalten Winter, den Schmuel in diesem Haus verbringt und sich nach der Liebe der schönen, stolz-traurigen Natalja verzehrt, kommt das ganze Dilemma der Staatsgründung zur Sprache. Schicht um Schicht werden die Argumente und Aporien geprüft, wobei die Figur des sogenannten Verräters, Schealtiel Abrabanel, der sich gegen die Staatsgründung ausgesprochen hatte und deshalb als Araberfreund mit schlimmen Verwünschungen bedacht worden war, immer deutlicher aus den Schatten der Vergangenheit hervortritt. Darf man vermuten, dass er die besondere Symphatie von Amos Oz besitzt? Da er tot ist, verbittert und einsam eines Tages am Küchentisch zusammengebrochen ist, hat ihm Oz ein Sprachrohr gegeben, Natalja. Die Tochter des sogenannten Verräters sagt: “Einen Staat habt ihr gewollt. Unabhängigkeit habt ihr gewollt. Fahnen und Uniformen und eine Währung und Trommeln und Trompeten habt ihr gewollt. Ihr habt ganze Flüsse reinen Blutes vergossen. Ihr habt eine ganze Generation geopfert. Ihr habt Hunderttausende Araber aus ihren Häusern vertrieben. Ihr habt Schiffsladungen von Hitler-Überlebenden direkt vom Kai aus aufs Schlachtfeld geschickt. Nur damit es hier einen Staat der Juden gab. Und jetzt kann man sehen, was ihr bekommen habt.“

Ich weiss nicht, wie die Rezeption von „Judas“ in Israel ausgesehen hat. Erinnert man sich noch an diese Diskussionen oder sind sie der Mythologie der Staatsgründung zugeschlagen und im allgemeinen Geschichtsbewusstsein als „komplizierte Auseinandersetzungen“ in den chaotischen Zeit der ersten Jahre abgelegt worden? Es steht mir nicht zu, diese heikle Frage hier zu diskutieren. Atalja jedenfalls, die ihr bescheidenes Geld übrigens mit Aufträgen für eine Detektei verdient, also Ehebrecher ausforscht, und mit der es zu einer durch winzige erotische Zeichen sorgfältig eingeleiteten, herzzerreissenden Liebesbegegnung mit dem lockenköpfigen Schmuel kommt, ist der Ansicht, Schmuel solle das kalte Haus mit seinen trüben Erinnerungen an vergangene Kämpfe so schnell wie möglich verlassen und sich einer besseren Zukunft zuwenden. “Wenn du noch länger bei uns bleibst,wirst du ganz und gar versteinern. Wie wir. Dann wird noch Moos auf dir wachsen... Vier Monate sind genug... Was du hier erlebt hast, war ein Zeitabschnitt, den du vermutlich gebraucht hast, aber nur, um den Winter zu überstehen. Doch der Winter ist vorbei. Für den Bär wird es Zeit aufzuwachen. “Man muss oder darf solche Sätze sowohl wortwörtlich wie metaphorisch lesen.

Wir ahnen, dass es mit Schmuels Doktorarbeit über „Jesus in der Perspektive der Juden“ nichts mehr werden wird, dass das Problem des Juden Judas, der den berühmtesten Kuss der Weltgeschichte gegeben hat, offen bleibt. Wann ist ein Verräter keiner mehr? Das kann die Geschichte nur immer anders beantworten. Schmuel verlässt Jerusalem, wo jetzt, im Frühjahr, die Sonne die hellen Steine in ein honigfarbenes Licht taucht. Er will sich einen Job suchen in einer der neu entstehenden Städte. Ich glaube, man darf vermuten, in Schmuel ein Porträt des jungen Amos vor sich zu haben, a portrait of the artist as a young man.

Lassen Sie mich die letzte halbe Seite des Romans vorlesen, eine geradezu klassische Joseph-Roth-Seite, deren Wörter alle von Mirjam Pressler stammen, die ja zusammen mit Amos Oz hier geehrt wird.
Schmuel kommt also nach einer langen Busfahrt in einer ihm unbekannten Stadt an und sieht sich um. “In einem Fenster im zweiten Stock erschien eine junge, schöne Frau in einem bunten Sommerkleid und mit langen offenen Haaren, sie lehnte sich halb hinaus, die kräftigen Brüste gegen das Fensterbrett gedrückt, und hängte ein nasses Hemd an die Leine vor dem Fenster. Schmuel betrachtete sie von unten. Sie kam ihm hübsch, zart, herzlich und vielleicht sogar wohlwollend vor. Er beschloss sie anzusprechen, sich zu entschuldigen und sie um ihren Rat zu bitten, wohin er gehen sollte, was er machen sollte. Aber während er noch nach den passenden Worten suchte, hatte die Frau das Hemd aufgehängt, das Fenster geschlossen und war verschwunden. Schmuel blieb mitten auf der leeren Gasse stehen. Er hob den Seesack von der Schulter, stellte ihn auf den staubigen Asphalt. Auf den Seesack legte er sorgfältig den Mantel, den Stock und die Mütze. Er stand da und überlegte.“

So endet der Roman, so fängt wahrscheinlich das Schriftstellerleben des Amos Oz an. Lieber Amos, liebste Mirjam, es ist mir eine große Freude, dass ich Euch heute im Namen der ganzen Jury den Romanpreis des Hauses der Kulturen der Welt mitverleihen darf.

Congratulations und Schalom!

Berlin, Haus der Kulturen der Welt
8. Juli 2015