Hans Christoph Buch

Jurymitglied und Laudator des Internationalen Literaturpreises 2014

Hans Christoph Buch | © Santiago Engelhard

Hans Christoph Buch | © Santiago Engelhard

Hans Christoph Buch, geboren 1944, Romancier, Reporter und Essayist, studierte an der Universität Bonn und an der FU Berlin Germanistik und Slawistik. 1972 promovierte er an der Technischen Universität Berlin bei Walter Höllerer zum Doktor der Literaturwissenschaft. In den siebziger Jahren war er Lektor im Rowohlt Verlag, für den er die Zeitschrift Literaturmagazin herausgab. Später lehrte er als Dozent an Universitäten in Deutschland und den USA, Chile und Kuba. Ausgedehnte Reisen durch Nord- und Südamerika, Afrika und Asien, längere Aufenthalte in der VR China. Eine besondere Beziehung entwickelte Buch seit den achtziger Jahren zum karibischen Raum, speziell Haiti, das häufig Schauplatz seiner Romane ist. In den neunziger Jahren trat er mit Reportagen aus Kriegs- und Krisenregionen hervor.

Laudatio auf Dany Laferrière & Beate Thill

Es gilt das gesprochene Wort

Ich habe mich oft gefragt, woher die überbordende Vitalität kommt, die jede Seite und jede Zeile des Werks von Dany Laferrière durchzieht – nicht nur sein Buch »L’énigme du retour«, das »Rätsel der Rückkehr«, dem wir heute den Literaturpreis des Hauses der Kulturen verleihen. Das beginnt schon bei den Titeln: Dany Laferrière ist ein Meister frivoler, melancholischer oder einfach nur witziger Buchtitel, mit denen er die Neugier der Leser weckt und Kritiker an der Nase herumführt: Getäuschte Erwartung heißt der Fachausdruck dafür. Angefangen mit seinem ersten Buch »Comment faire l’amour avec un nègre sans se fatiguer«, dessen Titel ich nicht wörtlich zu übersetzen wage: Nur soviel sei gesagt, dass Neger, kreolisch nèg, in Haiti kein Rassenvorurteil impliziert, sondern Mensch oder Mann bedeutet. Und weiter: Vom »Duft des Kaffees« und dem »Geschmack junger Mädchen« bis zum »Land ohne Hut« und zum »Charme endloser Nachmittage« reichen die Titel seiner Bücher, den Alltag Haitis und das Leben des Autors widerspiegelnd, bis hin zu einem Filmszenario mit dem provozierenden Titel »Wie man Amerika erobert in einer Nacht«. Und selbst dem Goudougoudou – so hieß im kreolischen Volksmund das verheerende Erdbeben vom 12. Januar 2010 – gewann Dany Laferrière eine ironische Note ab mit dem Titel »Tout bouge autour de moi« – alles schwankt um mich herum.
Doch der Eindruck der Spontanität täuscht, denn obwohl Laferrière alles andere als ein akademischer Autor ist und jedwede Didaktik scheut wie der Teufel das Weihwasser, schreibt er nicht aus dem Bauch heraus: Die Tatsache, dass und wie er seine frühen Romane umgearbeitet hat zur epischen Chronik des Exils, beweist das zur Genüge.
»Das Rätsel der Rückkehr«, in Paris ausgezeichnet mit dem Prix Médicis, ist sein reifstes und reichstes Buch, die Summe seines Werks: Eine Reise ans Ende des Tages, die im eisigen Kanada beginnt und über New York zurückführt nach Port-au-Prince, auf den Spuren seines verstorbenen Vaters und des eigenen Ichs: Ein innerer Monolog, der die Leser auf unangestrengte Art einbezieht wie ein Saxophon-Solo von John Coltrane oder ein Selbstgespräch am Piano von Thelonious Monk. Der Vergleich mit den Meistern des Jazz leuchtete der Jury unmittelbar ein, denn der nach allen Seiten offene Text ist eine Einladung an Leserinnen und Leser, zuzusteigen oder auszusteigen, wann, wo und wie es ihnen beliebt, und er verzichtet auf jede Art von pädagogischer Belehrung und/oder sachlicher Information. Der Autor nimmt seine Leser nicht an der Hand und schreibt ihnen nicht vor, was sie zu denken oder zu glauben haben. Auf diesem Weg umschifft er zwei Klippen, die das Verständnis einer uns fernliegenden Kultur wie der von Haiti erschweren: Die Gefahr der karibischen Landeskunde und kreolischen Folklore, deren Kenntnis ein Spezialstudium erfordern würde. Dany Laferrière erklärt nichts, er erzählt Haiti, ohne falsches Pathos, ohne vorschnelle Schuldzuweisungen und ohne Selbstmitleid: Er stimmt kein Lamento über Elend und Unterentwicklung an, sondern ein Preislied auf die Würde und Schönheit der Haitianer, ihr Improvisationstalent und ihre Kreativität, ohne die das Leben und Überleben im Armenhaus Amerikas unmöglich wäre. Das klingt, als sei Dany Laferrière ein unpolitischer Autor, der ausgerechnet Haiti für die beste aller möglichen Welten hält – das Gegenteil ist der Fall:
»Seit die Regierung nicht mehr über das Mittel verfügt, aufmüpfige Journalisten einfach ins Gefängnis zu werfen, haben es reiche Bürger übernommen, sie zu kaufen, und zwar meist billig. Den verkommenen Journalisten kauft man mit Geld. Den armen, aber ehrlichen Journalisten kauft man mit Anerkennung. Den geilen Journalisten kauft man, indem man ihn den feinen Duft eines sehr jungen Mädchens riechen lässt, das sich bei einem Empfang in der guten Gesellschaft über ihn beugt.«
Dany Laferrière weiß, wovon er spricht, denn er war selbst Journalist, als er 1976 mit knapper Not der Duvalier-Diktatur entkam. Geboren 1953 als Sohn eines politisch engagierten Vaters, wuchs er auf bei seiner Großmutter, der er in seinen Büchern ein Denkmal setzte, und war freier Mitarbeiter des Radiosenders Haiti Inter und der Zeitschrift Le Petit Samedi Soir, die als einzige das Regime von Baby Doc zu kritisieren wagten. Nach der Ermordung seines Kollegen Gasner Raymond, gegen die der PEN-Club protestierte, floh Laferrière nach Québec, wo er, pendelnd zwischen Montreal und Miami, seither lebt. Im Herbst 1976 interviewte ich in Haiti den Herausgeber des Petit Samedi Soir und besuchte anschließend einen Literaturkongress in Montreal: Dort traf ich den Antillen-Dichter Édouard Glissant, dessen Werk der Wunderhorn Verlag heute betreut, und den Franko-Argentinier Hector Bianchiotti, auf dessen Platz in der Académie Française Dany Laferrière kürzlich nachrückte. In Februar 1986 stürzte Baby Doc-Duvalier, und im April begegnete ich Dany Laferrière in Montreal. Ich schaute ihm zu beim Signieren seines Erstlingswerks, aber als ich an die Reihe kam, war das Buch ausverkauft – deshalb habe ich es heute Abend mitgebracht.
Später sah ich ihn nur noch von fern: Beim Festival der »Étonnants voyageurs« (erstaunliche Reisende) in Saint Malo, auf der Buchmesse »Livre en folie« in Port-au-Prince und zuletzt in Salzburg, wo er »L'énigme du retour« vorstellte, damals noch unübersetzt: ein mitreißender Sprachstrom, der alle Gewissheiten unterspült, beginnend als langes Gedicht, sich ausweitend zu Erzählung und Essay, ein autobiographischer Bericht und zugleich eine Hommage an Aimé Césaires poetisches Manifest »Cahier d'un retour au pays natal«, das, karibisch gesprochen, die Hochzeit von Surrealismus und Négritude vollzog. Ein kanonischer Text von 1939, dem Laferrière sich nicht historisch annähert, sondern den er selbstbewusst fortschreibt, ausgehend von der Gegenwart, in der sein Leben und seine Arbeit verankert sind.
Es grenzt an ein Wunder, dass und wie es der Übersetzerin Beate Thill gelang, diese in sich komplexe Botschaft aus einer uns fremden Welt für hiesige Leserinnen und Leser nachvollziehbar zu machen, ohne fragwürdige Exotismen oder falsche Anbiederei, und Laferrières kreolischen Sprachwitz ebenso ins Deutsche hinüberzuretten wie die sensible Musikalität und den pulsierenden Rhythmus des Originals. Dafür gebühren ihr Anerkennung und Dank.
Da wir beim Danksagen sind, widme ich diese Rede zwei im Erdbeben 2010 verstorbenen Freunden, die Dany Laferrière gut kennt, weil Haitis Intellektuelle eine in sich zerstrittene Bruderschaft sind: Dem Schriftsteller Georges Anglade, der, aus dem Exil zurückgekehrt, beim Einsturz seines Hauses ums Leben kam, und dem Oppositionsführer Micha Gaillard, der auf der Schwelle des Justizpalasts starb. Hätte er das Gebäude drei Sekunden früher verlassen, wäre er vielleicht noch am Leben. Micha war der Sohn des Historikers Roger Gaillard, dessen mehrbändiges Werk unter dem Motto steht »Les blancs débarquent« – die Weißen landen: ein Leitmotiv der Geschichte Haitis von der Landung des Kolumbus am 6. Dezember 1492 über die Invasion des Generals Lerclerc, der mit 30.000 Elitesoldaten der Grande Armée vergeblich versuchte, die Sklaverei wieder einzuführen, bis zur Landung der US-Marines im Juli 1915, die Deutschland zuvorkommen wollten und bis 1934 in Haiti blieben. 60 Jahre später brachten sie Ex-Präsident Aristide, einen Freund Bill Clintons, nach Port-au-Prince zurück, gefolgt von 10.000 UN-Blauhelmsoldaten, die bis heute, mehr schlecht als recht, Haitis Misere verwalten. Die vorläufig letzte Invasion war die der Katastrophenhelfer und NROs, die, auch wenn sie gute Arbeit leisten, dem haitianischen Volk den letzten Rest an Eigeninitiative rauben. Damit beantwortet die eingangs gestellte Frage sich von selbst: Woher kommt die Vitalität der Bücher von Dany Laferrière? Sie kommt aus Haiti, genauer gesagt: aus dem Geist der Rebellion, der Ästhetik des Widerstands, die Haitis Kultur und Geschichte bis heute prägt.

Berlin, Haus der Kulturen der Welt
3. Juli 2014