Yoko Tawada

Festrednerin Lange Nacht der Shortlist & Preisverleihung 2014

Yoko Tawada | © Heike Steinweg

Yoko Tawada | © Heike Steinweg

Yoko Tawada, geboren 1960 in Tokyo, Japan, studierte Literaturwissenschaft in Japan und Deutschland, promovierte in der Schweiz und lebt nach langem Aufenthalt in Hamburg seit 2006 in Berlin. Sie schreibt auf Deutsch und Japanisch Essays, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Lyrik und ist bekannt für ihre performativen Lesungen und Wortakrobatiken. Für ihre schriftstellerischen Werke ist sie mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet worden, unter anderem dem Akutagawa-Literaturpreis 1993, dem Adelbert-von-Chamisso-Preis 1996, der Goethe-Medaille 2005 und dem Erlangener Literaturpreis für Poesie als Übersetzung 2013. Sie ist Mitglied der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Zuletzt erschienen ihr Roman Etüden im Schnee und der Erzählungs- und Gedichtband Wo Europa anfängt & Ein Gast.

Festrede Lange Nacht der Shortlist & Preisverleihung

Es gilt das gesprochene Wort

Ich möchte zuerst über die Kultur sprechen, und zwar über eine spezifische Form der Kultur, nämlich die Joghurtkultur. Oder sollte ich besser mit dem Thema Milch anfangen, denn ohne Milch gäbe es keinen Joghurt. Die Mutter des Joghurts ist keine Muttermilch, sondern die Kuhmilch. Vor einigen Jahren las ich in einer deutschen Zeitung über ein Gebiet in Afrika, in dem eine Menschengruppe Epidemien überlebte, weil sie Kuhmilch als Nahrungsmittel akzeptiert hatte. Der Autor des Artikels schrieb, dass Milch an sich kein bekömmliches Nahrungsmittel für erwachsene Menschen sei, denn die Natur schenke nur dem Säugling die Enzyme, die Laktose verarbeiten, und stelle sie später ein, damit das Kind sich von der Mutterbrust verabschiedet. Ein Kind, das weiter Muttermilch zu trinken versuche, müsse erbrechen.
Der europäische Magen hat im Laufe der Zivilisation die Fähigkeit entwickelt, ein Leben lang Milch zu verdauen. Mit einem Wort: Europa trinkt Milch und erbricht nicht: Das war meine Definition von Europa bis vor kurzem.
Als ich in den sechziger Jahren in Tokio zur Grundschule ging, gab es einige Klassenkameraden, denen sofort übel wurde, wenn sie Milch tranken. Wir bekamen jeden Tag eine kleine Flasche Milch in der Schule, zusammen mit dem Mittagessen. Unsere Lehrerin sagte, jeder gewöhne sich an Milch, man müsse Geduld haben. Ich weiß nicht, ob sie Recht hatte. Denn selbst in Europa gibt es heute noch Menschen, die keine Laktose vertragen.
Die europäische Kultur wurde ausschließlich aus Bulgarien nach Japan importiert, ich meine die Joghurtkultur. 1905 gelang es dem bulgarischen Wissenschaftler Stamen Grigorow, ein Bakterium zu isolieren, das für die Entstehung des Joghurts verantwortlich ist.
Als ich in Sofia war, sah ich in einem Supermarkt die Joghurtmarken, die ich aus Deutschland kannte, das ganze Regal besetzen. Warum importieren die Bulgaren die teuren Produkte aus dem Ausland, wenn sie selber das weltberühmte Joghurtvolk sind? Der Joghurt war nicht mehr Joghurt, sondern eine globale Industrieware. Wer ihn besser vermarkten kann, verkauft mehr davon. Ich war entsetzt.
Eine Bekannte von mir in New York kauft ausschließlich Joghurt aus Griechenland. Viele amerikanische Joghurtprodukte sind ihrer Meinung nach nichts anderes als chemische Schleimsuppe. Die Griechen seien für sie das Joghurtvolk. Aber eine Griechin, die ich letztes Jahr kennenlernte, offenbarte mir, es gebe keinen griechischen Joghurt mehr, es gebe nur noch europäischen Joghurt. So trägt man nicht nur die Eulen, sondern auch noch den Joghurt nach Athen.
Der Joghurt ist ein Sauermilchprodukt, eine Art Dickmilch. Die Wörter »Sauermilch« oder »Dickmilch« werden selten verwendet, denn man soll heutzutage weder sauer noch dick sein. Mann soll immer gute Laune haben und so dünn sein wie die Menschen auf jedem Werbefoto für Joghurt. Ich dachte, dieses Erfolgsrezept wäre amerikanisch und in Europa dürfe man sauer sein – sauer auf die Zustände, sauer auf die politische Situation, sauer auf die Ungerechtigkeit. Denn das Sauersein bringt Nachhaltigkeit. Das Sauerkraut hält länger als der Kohl. Wenn ich Wörter wie Sauerkraut oder Sauerbraten höre, fließt mir Speichel im Mund zusammen – nicht weil ich diese Gerichte essen will, sondern, weil das Wort »sauer« in meinen Magen hineinklingt.
»Joghurt« ist ein Lehnwort aus dem Türkischen, und vielen Europäern ist es nicht bewusst, wie oft am Tag sie sich etwas Türkisches auf die Zunge legen.
Die Wörter »Sauermilch« oder »Dickmilch« sind, selbst wenn sie selten benutzt werden, noch nicht vergessen, während das Wort »Setzmilch« kaum noch verwendet wird. Ich habe es in einem Wörterbuch gefunden und las zuerst »Satzmilch«. Als Folge entstanden im Sprachzentrum meines Gehirns neue Wörter wie Wortmilch, Sprachmilch, Prosamilch, Haikuhmilch, Nachlassmilch, Übersetzungsmilch. Es gibt Wörter, die vergessen werden, aber es gibt auch Wörter, die neu geboren werden.
Wenn ich sauer bin und mein Kopf von neuen Wörtern anschwillt, setze ich mich an den Schreibtisch.
Nachdem eine Autorin oder ein Autor die Schrift gestellt hat, setzt der Setzer die entsprechenden Buchstaben. Dabei benutzt er kein Setzbrett mehr, sondern ein Computerprogramm. Das Wort »Setzbrett« wird sicher bald vergessen. Die Autorinnen und die Autoren setzen die Sätze, es klingt etwas streng, aber es geht nicht um eine Festlegung der flüssigen Ideen. Sie setzen die Sätze wie ein wildes Tier in der Setzzeit seine Nachkommen in die Welt setzt. Aus den gesetzten Sätzen soll kein Gesetz werden. Sie sollen besser wie Setzmilch in einen Gärungsprozess geraten.

Ist die übersetzte Literatur vergleichbar mit einer Ausländerin, die mit einem Akzent spricht? Wie viel Akzent hält die Literatur aus?

Der Akzent ist das Gesicht der gesprochenen Sprache. Seine Augen glänzen wie der Baikalsee oder wie das Schwarze Meer oder wie ein anderes Wasser, je nachdem, wer gerade spricht.

Die Augen meiner Sprache enthalten Wasser aus dem Pazifik, wo zahlreiche Vokale als Inseln schwimmen. Ohne sie würde ich ertrinken.
Die deutsche Sprache bietet mir nicht genug Vokale. »Lufthansa« spreche ich »Lufutohansa« aus, damit fast jeder Konsonant mit einem Vokal versorgt ist. Wo soll ich sonst hin mit meinen Gefühlen, die nur in den Vokalen zu Hause sind?
Wie würde die Welt aussehen, wenn es nur Konsonanten gäbe? Sprechen Sie einfach »k« oder »g« aus, und achten Sie drauf, wie sie auf Ihren Körper wirken! Sie klingen für mich nach einer Ablehnung, einer Abgrenzung oder nach einer leise gesprochenen Ausrede. Es ist mir unangenehm, und ich versuche deshalb, diese Laute mit wenig Druck auszusprechen, und nehme in Kauf, dass mein Akzent dadurch verstärkt wird. Auch die expulsiven Konsonanten »p« und »b« bereiten mir Kopfschmerzen. Sie klingen verärgert, verachtend und abweisend. Ich ziehe es vor, beim Aussprechen dieser Konsonanten die Luft nach innen zu ziehen, damit sie nicht zu heftig explodieren.
Es gibt auch sanftere Konsonanten. Das heißt aber nicht, dass ich sie ohne meinen Akzent aussprechen könnte. Die Konsonanten »r« und »l« zum Beispiel bringe ich durcheinander. Sie sind für mich eineiige Zwillingsschwestern. Hier einige Übungen für einen besseren Umgang mit ihrer Verwechselbarkeit: »Durch das lustvolle Wandern in der Natur wandelt Herr Müller seine Gesinnung.« »Der Rücken eines Ponys ist niedrig und deshalb niedlich. Wäre er doppelt so hoch, wäre er halb so niedlich.« »Kein Bücherregal ist illegal, egal welche Bücher da stehen, genau so wie kein Mensch illegal ist, selbst wenn er mit einem Akzent spricht.«
Der Akzent bringt unerwartet zwei Wörter zusammen, die normalerweise nicht ähnlich klingen. In meinem Akzent hören sich die »Zelle« und die »Seele« ähnlich an.
Es ist nicht meine Aufgabe, eine regionale Färbung, einen ausländischen Akzent, einen Soziolekt und einen Sprachfehler medizinischer Art voneinander zu unterscheiden. Stattdessen schlage ich vor, jede Abweichung als eine Chance für die Poesie wahrzunehmen.
Es kommt mir komisch vor, dass ich von einer »Abweichung« spreche, denn, ich bin nicht sicher, ob es überhaupt den »Standard« gibt. Im Sprachunterricht habe ich gelernt, dass das reinste Hochdeutsch in Hannover zu finden sei, und zwar auf einer Theaterbühne und nicht irgendwo auf der Straße. Aber es gibt keinen Menschen, der in einem Theater in Hannover geboren wurde und nie das Theatergebäude verlassen hat. Also gibt es keinen Menschen ohne Akzent, so wie es keinen Menschen ohne Falten im Gesicht gibt.

Der Akzent ist eine großzügige Einladung zu einer Reise in die geographische und kulturelle Ferne. In einer modernen Großstadt muss man stets darauf gefasst sein, mitten in der Mittagspause auf eine Weltreise geschickt zu werden. Eine Kellnerin öffnet ihren Mund, schon bin ich unterwegs nach Moskau, nach Paris oder nach Istanbul. Die Mundhöhle der Kellnerin ist der Nachthimmel, darunter liegt ihre Zunge, die den eurasischen Kontinent verkörpert. Ihr Atemzug ist der Orientexpress. Ich steige ein. Der Akzent gibt den Menschen auch Mut, denn er ist ein lebender Beweis dafür, dass auch ein Erwachsener noch eine ganz exotische Sprache lernen kann. Hätte er sie schon als kleines Kind gelernt, hätte er keinen Akzent. Auch im hohen Alter können wir unseren Gaumen erweitern, uns neue fiktive Zähne wachsen lassen, die Muskeln des Mundwerkes trainieren, mehr Speichel produzieren und unsere Gehirnzellen durchkneten und durchlüften. Das Ziel der Sprachlernenden ist nicht, sich dem Zielort anzupassen. Man kann immer wieder eine neue Sprache lernen und die alten Sprachen als Akzent beibehalten.
Wer keinen Akzent hat und nicht fremd aussieht, aber aus der Ferne kommt, hat es schwer. Die Tochter meiner deutschen Bekannten zum Beispiel, die in den USA geboren und aufgewachsen ist, hatte Angst, in Deutschland zum Postamt zu gehen. Denn sie hat gar keinen Akzent, wenn sie Deutsch spricht, aber sie versteht nur noch Bahnhof, wenn der Postangestellte von »Einschreiben«, »Nachnahme« oder »unfrei« spricht. Hätte sie einen Akzent, würde man ihr verständnisvoll in Ruhe diese Wörter erklären. Aber sie hat leider gar keinen Akzent. Sie sagte mir, man würde denken, sie sei nicht ganz »dicht«.
Es kann für mehrsprachige Dichterinnen und Dichter ein Vorteil sein, wenn die Wände in ihrem Gehirn »nicht ganz dicht« sind. Durch die undichte Wand sickert der Klang einer Sprache in eine andere hinein und erzeugt eine neue Musik. Man spricht heutzutage vom »Migrationshintergrund«, als wäre etwas Abgründiges grundsätzlich hinter dem Rücken versteckt. Der Akzent ist der Vordergrund der Migration.

Nun freue ich mich auf das heutige Fest! Ich gratuliere allen Übersetzerinnen und Übersetzern, die wesentliche Arbeit für die Literatur geleistet haben. Es gibt Texte, die sich wünschen, übersetzt zu werden. Sie haben diesen Wunsch der Poesie herausgehört und eine architektonische, musikalische oder philosophische Arbeit vollbracht. Ich gratuliere alle Autorinnen und Autoren, die für den sechsten Internationalen Literaturpreis nominiert wurden. Ich habe aus Ihren Namen Anagramme gebildet und diese möchte ich Ihnen überreichen. Es sind Blumensträuße aus Wörtern.
Madeleine Thien: Mit ihrem Namen war es am leichtesten und das Ergebnis ist sogar mit der Geschichte der deutschsprachigen Literatur kompatibel: »Heine malt Ideen.«
Aus dem Namen Bernardo Kucinski habe ich einen Satz gebildet: »Ick bin Spr-Kanone.« Keine »Sprachkanone«, dafür fehlen drei Buchstaben »a«, »c« und »h«. Ach! Springen, Sprengen, Spritzen: Es gibt noch viele Möglichkeiten vor dem Sprechen.
Mohsin Hamid hat das Buch »So wirst du stinkreich im boomenden Asien« geschrieben. Entsprechend habe ich zwei Wörter in seinem Namen gefunden: »Honda – mimis(c)h«. Lerne von einem Meister und arbeite für dich selbst, wie sein Ratgeber uns vorschlägt!
Bei Dany Laferrière treffen sich »reine Lady« mit einem »Farre«. Der junge Stier, der seine Gene beruflich verbreitet, und eine reine Lady, die ihren Körper in einem traditionellen Kostüm präsentiert, passen gut zusammen. Ein Wunder hat immer ein Horn.
In Zsófia Bán steckt das Wort »Faszination«, dachte ich zuerst. Ich fand »Faszi-na«, aber nicht weiter. Da fehlen »t«, »i«, »o«, und »n«, aber sie machen nicht den wichtigsten Bestandteil des Wortes aus. Stattdessen habe ich ein »bo« gefunden. Das neu erfundene Wort lautet also: »Faszinabo«. »Bo« bedeutet ein Stab auf Japanisch. Es ist ein Zauberstab der Faszination.
Georgi Gospodinov hat zu viel Gs und zu viel Os in seinem Namen. Ich hätte gerne »Gogol« oder »Go-go-girl« aus seinem Namen herausgezogen, aber es gibt leider kein »l«. Nach einem langen Versuch kam ich endlich auf den Satz: »Ovid gor i(n) Gong-Pose.«
Es ist nicht leicht, aus einem nichtdeutschen Namen ein deutsches Anagramm zu bilden. Es gibt zu viele Buchstaben, die man nicht gebrauchen kann. Dafür fehlen die Buchstaben, die nützlich oder notwendig sind. Aber gerade der Überrest, der zuerst nutzlos erscheint, kann eine wichtige Grundlage für die Kultur sein. Und dort, wo etwas fehlt, entsteht ein Spielraum.
Meine Damen und Herren, vielen Dank fürs Kommen! »HKW« ist selbstverständlich die Abkürzung von »Heute wieder ein klares Wetter!« Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei den Lesungen und Gesprächen!

Berlin, Haus der Kulturen der Welt
3. Juli 2014