Mircea Cărtărescu: Der Körper

Preisträger 2012

Roman, Paul Zsolnay Verlag 2011
Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold
(Orbitor II. Corpul, Humanitas, Bukarest 2002)

Das Buch

Als die Schreibstube des Erzählers dem urbanistischen Größenwahn des Diktators zum Opfer fällt, kehrt Mircea in die Wohnung der Eltern zurück, wo die Vergangenheit wieder lebendig wird. Bukarest leuchtet - die Stadt wird zur Literatur, wenn er Urgroßvater Vasile herbeihalluziniert oder wenn sich Urgroßmutter Maria allmorgendlich in einen Schmetterling verwandelt. In diesem irrwitzigen Roman voller Alpträume, dem zweiten Teil der „Orbitor“-Trilogie des Schriftstellers aus Rumänien, fügen sich Fantastik und Physik, Tradition und Moderne, Sinnlichkeit und Abstraktion zu einem Kunstwerk.

Mircea Cărtărescu | © Zsolnay Verlag Heribert Corn

Mircea Cărtărescu | © Zsolnay Verlag Heribert Corn

Der Autor

Mircea Cărtărescu wurde 1956 in Bukarest geboren und veröffentlicht seit 1978 Gedichte und Prosa. Zahlreiche Aufenthalte im Westen (u. a. in Berlin, Stuttgart, Wien). Seit 1991 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für rumänische Literaturgeschichte der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität von Bukarest, zwischen 1994 und 1995 unterrichtete Cartarescu als Gastprofessor an der Universität in Amsterdam. Sein Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, wie etwa mit dem Vilencia-Literaturpreis (2011), dem Preis der rumänischen Schriftstellervereinigung (2000) und dem Spycher Literaturoresi Leuck (2013). 2015 wurde ihm der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur verliehen. „Der Körper“ (2011) ist der zweite Band der „Orbitor“-Trilogie, für die er 2015 den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung erhielt.

Zuletzt erschienen:
Die schönen Fremden, aus dem Rumänischen von Ernest Wichner; Paul Zsolnay Verlag, Wien 2016 (Frumoasele străine; Editura Humanitas, Bukarest 2010)
Der Flügel. 3. Teil. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2014, aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold (Aripa dreaptă, Editura Humanitas 2007)

Gerhardt Csejka | © Privat

Gerhardt Csejka | © Privat

Die Übersetzer

Gerhardt Csejka wurde 1945 im rumänischen Zăbrani geboren. Er studierte Germanistik und Romanistik. 1986 war er DAAD-Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms. Seit 1989 lebt er in Frankfurt am Main. 1990 bis 2003 hatte Csejka Lehraufträge für rumänische Sprache und Landeskunde an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz inne. 2008 erhielt er den Übersetzerpreis der Kulturstiftung NRW für die Übersetzung des ersten Trilogie-Bandes „Die Wissenden“ von Mircea Cărtărescu.

Ferdinand Leopold

Ferdinand Leopold

Ferdinand Leopold wurde 1960 in Bukarest geboren. Er studierte Indologie, Philosophie und Tibetologie an der Universität Hamburg. Seit 1988 ist er als freier Übersetzer literarischer und philosophischer Texte tätig. 2013 erhielt er das Zuger Übersetzer-Stipendium für die Arbeit am dritten Band von Cărtărescus „Orbitor“-Trilogie.

Zuletzt erschienen:
Der Flügel. 3. Teil. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2014, aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold (Aripa dreaptă, Editura Humanitas 2007)
E. M. Cioran: Leidenschaftlicher Leitfaden II. Suhrkamp 2013, aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold (Bréviaire des vaincus II Editions de L'Herne, Paris 1991)

Jurykommentar zur Wahl der Preisträger 2012

„Mit ‚Der Körper‘ ist dem rumänischen Autor Mircea Cărtărescu ein fulminanter Roman und sprachlich elektrisierendes Kunstwerk von seltener Intensität und Leuchtkraft gelungen. Die Selbstexploration des Icherzählers Mircea wird zur Weltexploration und breitet ein literarisch vernetztes Denken aus, das kleinste und größte Elemente der Existenz zusammenführt, Denken und Sprechen in neuronaler Metaphorik mit kosmischen Bezügen in eins setzt. Wie in einem gewaltigen Kaleidoskop fügen sich Bewusstseinssplitter und Kindheitserinnerungen, familiengeschichtliche Episoden und Bukarester Stadtbilder, zeitpolitische Momentaufnahmen der Ceaușescu-Zeit und phantastische Gedankenflüge zu einem farbig schillernden Ganzen zusammen, das sein Zentrum in der Subjektivität des Erzählers findet.
Cărtărescu entwickelt aus kleinsten Wirklichkeitszellen - sei es eine Beobachtung, eine Erinnerung, ein Bild - wuchernde Phantasiegebilde, die auf hypertrophe, hyperreale Weise Individuelles in Universales transzendieren. Wenn die Urgrossmutter sich jeden Morgen in einen Schmetterling mit roten Flügeln verwandelt, wenn der Blick aus dem Wohnblockzimmer zur Allmachtsgeste mutiert, regieren „Reflexe, Bilder, Töne und Träume“, „Hormone und Halluzinationen“, „mystische Synapsen und engelgleiche Axone“. Der Autor betreibt ein exzessives Spiel auf der Grundlage von Physik und Phantastik, Sinnlichkeit und Abstraktion, Esoterik und Neurowissenschaft, Mythos und Kosmologie. In einem wildwüchsig überbordenden Stil und kraftvollen Metaphernkaskaden feiert er zugleich das vibrierende Leben der Sprache, deren Reichtum über jede einzelne Seite dieses Romanes fließt. Der Titel ‚Der Körper‘ verweist auf eine energiegeladene Stimme, eine in und durch diesen Erzählkörper zirkulierende Stimme von überschäumender Subjektivität. Eine intensive, rhizomatisch ausgreifende und vor allem packende Prosa von großer Suggestivkraft durchzieht diesen Roman - eine Prosa, die nicht nur welthaltig, sondern weltenschaffend ist und den Kanon menschlicher Artikulationskunst um einen großartigen Beitrag erweitert.

Mircea Cărtărescus Roman ‚Der Körper‘ besticht durch seine Sprachkraft - ein Feuerwerk von seltener Intensität und Leuchtkraft. Aus kleinsten Wirklichkeitszellen - sei es eine Beobachtung, eine Erinnerung, ein Bild – entwickeln sich wuchernde Phantasiegebilde, die auf hypertrophe, hyperreale Weise Individuelles in Universales transzendieren. Der aberwitzig surreale Stil erbaut ein Sprachkunstwerk und erweitert den Kanon menschlicher Artikulationskunst. Cărtărescus Roman entführt Seite um Seite in eine gänzlich eigene Sprachwelt, er befragt die Fähigkeiten der Artikulation, türmt Syntaxberge auf, lässt darauf Metaphernkaskaden rollen.
Die Übersetzer Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold bringen mit syntaktischem und semantischem Gespür all dies im Deutschen zum Leuchten. Konsequent bleiben sie der drängenden Syntax von Cărtărescu auf der Spur. Und sie übersetzen, genauer: sie formen nicht nur die Spracherkundungen des Rumänischen nach, sondern übertragen das literarische Experiment in die deutsche Sprache hinein; denn sie wissen: die Sprache selber ist hier zum Denkereignis geworden. So entstanden „Glühfäden des Geschmacks“, „der Sonnenwind meines Lebens ... mit seinem kapriziösen Fransenraum“, „mystische Synapsen und engelgleiche Axone“ oder auch eine „Stimmritze wie ein Muschelfüßchen“. Csejka und Leopold haben sich Cărtărescus Werk in Geist und Buchstaben auf das Nächstmögliche angenähert – und damit wie nebenbei die hiesige Bildwelt und Vorstellungskraft vermessen, belebt und: bereichert.“