Über Wut - On Rage


So, 14. März 2010 — So, 09. Mai 2010

Auf diese Fragen zielen die Werke einer Ausstellung (darunter eine Reihe von Auftragsarbeiten) sowie ein Filmprogramm, Lectures und Diskussionen. Sie setzen sich mit dem Impuls „Wut“ in transkultureller und transhistorischer Perspektive auseinander. Dabei werden die unterschiedlichen Ausbruchspunkte in individuellen Lebenszusammenhängen und in Gemeinschaften ebenso thematisiert wie ihre politischen, sozialen und kreativen Bezüge. Wie weit ist die Verbreitung dieses Primäraffekts mit dem globalisierten Leben, mit seinen komplexen Verwobenheiten verbunden? Wie weit reicht seine emotionale Schubkraft? Welche neuen Geografien und Phänomenologien der Wut und des Zorns sind in politischen wie künstlerischen Sphären zu beobachten? Welche spezifisch andere Bewertung erfährt diese elementare Emotion in verschiedenen Kulturräumen?

Die unterschiedlichen Programmteile, mit denen sich „Über Wut" dem Thema nähert, sind miteinander verschränkt und in einem offenen Forum verbunden: Die Ausstellung formuliert künstlerische Statements, die in die Diskussionen, Lesungen und Talks intervenieren. Die Diskurse wie die Filme schaffen auch neue Zugänge zu den künstlerischen Positionen. Möglichkeiten eigener kreativer Auseinandersetzung mit den Werken der Ausstellung eröffnen sich in den Werkstätten des Vermittlungsprogramms „Wuträume“.

Die Ausstellung

Shoja Azari, Jimmie Durham, Regina José Galindo, Tadeusz Kantor, Klara Lidén, Michael Rakowitz, Reloading Images und Seher Shah sind mit Arbeiten beteiligt. Sie formulieren ihre Wut kanalisiert in der Offenlegung repressiver und unerträglicher Verhältnisse und geben auch dem Moment nach der Wut einen Raum.

Kantor konzentriert in seiner performativen Installation „Klasa szkolna – dzielo zamkniete / The Classroom – Closed Work, 1983-1985“ das Trauma einer Kindheit im Polen des Weltkriegs mit der Erfahrung des allgegenwärtigen Todes. Seher Shah verbindet in ihren Zeichnungen Symbole kriegsführender Religionen mit der globalen Zerstörung urbaner Zusammenhänge. Shoja Azari widmet sich mit der Videoarbeit „Final Judgement“ den medialen und politischen Verwertungen des Märtyrerkults. Regina José Galindo übersetzt koloniale Ausbeutung in eine metaphorische Gold-Performance. Michael Rakowitz knüpft an seine Arbeit „The Invisible Enemy Should Not Exist“ an, in der er die Plünderung irakischer Museen als imperialistisches Paradigma thematisiert. Für „Über Wut“ wird er einen Nachbau der im heutigen Irak stehenden Replika des Ishtar-Tors erschaffen. In der Arbeit „On How to Appear Invisible: The Negotiation“ von Azin Feizabadi und Kaya Behkalam (Teil der internationalen Künstlergruppe reloading images), werden im Set einer architektonischen Interpretation des UN-Sicherheitsrats unterschiedliche Formen der Aushandlung von Konflikten aufgegriffen: In einer Mehrkanal-Videoprojektion wird das Zusammenwirken historischer, literarischer und imaginärer Positionen zu Wut und Widerstand inszeniert und in den Kontext dramaturgischer Verhandlungsmuster gestellt. Das Projekt wird sowohl in Berlin als auch in Kairo und Beirut zu sehen sein und ist eine Zusammenarbeit mit Homeworks V (Beirut) und Townhouse Gallery (Kairo).

Die in Berlin ansässige schwedische Künstlerin Klara Lidén, deren Arbeiten von ganz persönlichen und intimen Widerständen gegen gesellschaftlich akzeptierte Normen und Rollenverständnisse handeln, wird ebenfalls mit einem Auftragswerk vertreten sein. In ihren Installationen, in denen sie auch Video und Sound einsetzt, werden vertraute Räume entfremdet und umfunktioniert. So eröffnen sich Möglichkeiten des Fühlens und Verhaltens jenseits des Vertrauten. Jimmie Durham umkreist in der Installation „Building a Nation“, die 2006 in einer Reihe von Live-Performances entstanden ist, die Geschichte systematischer Ausrottung der indigenen Bevölkerung Nordamerikas. Zitate berühmter Persönlichkeiten der amerikanischen Demokratie finden sich wieder zwischen einfachsten Materialien – gefunden, zusammengezimmert, vergessen.

Die Künstler schlagen geografisch einen weiten Bogen, immer aber schaffen sie Perspektiven auf komplexe Zusammenhänge von lokal-nationalen und globalisierten, von individuellen und weltweiten Unterdrückungsverhältnissen.

Performances von Klara Liden und Tvillingarna (Andreas Nelson, Paul Sigerhall und Emily Sundblad), Reloading Images, Oreet Ashery (mit Filmen von Larissa Sansour), Discoteca Flaming Star und Jimmie Durham ergänzen die Ausstellung.

Eine von dem Kollektiv ifau (institut für angewandte urbanistik) speziell entwickelte Versammlungsarchitektur schafft in der Ausstellung einen Ort für diskursive Verhandlungen, das räumliche Herzstück des begleitenden Programms.

Lectures und Diskursprogramm – ÜBER WUT / ON RAGE

Wer wird wütend und warum? Wo bricht sich Zorn, Empörung, Rache in der Gegenwart Bahn? Eine aktuelle Phänomenologie der Wut entwerfen in postkolonialen, aber auch philosophischen und politischen Spannungsfeldern die vier Lectures im März und April. Mit Yana Milev und Abdelwahab Meddeb wird der Blick auf jene Denk- und Handlungsräume gerichtet, in denen Wut und Hemmungslosigkeit die gängigen Ordnungen durchbrechen – als psychisch Monströses, als politisch-gesellschaftlicher Ausnahmezustand oder auch als psychosozialer Terror.

Immer auch verweist die Skala der Wut auf innergesellschaftliche und soziale Verwerfungslinien, von der Mittelstandsdepression und Sinnentleerung bis zu Krieg, Repression und Ungerechtigkeit, von unerträglich werdender Indifferenz bis zu akuten Überlebensfragen. Mit Wissenschaftlern, Intellektuellen, Künstlern und Akteuren aus verschiedensten Alltagssphären erkundet der „Summit on Rage / Gipfel der Wut“ am großen Tisch in der Ausstellungshalle die gesellschaftlichen und politischen Um-Bruchstellen. Verfolgt werden die Spuren und Geschichten von Protest und Widerstand, die Bildsprachen und Legenden der Wut. Aber auch die aktuellen „tipping points“, die Protestpraktiken und Techniken der Wut in Form von Krieg, Terrorismus und Amok stehen zur Diskussion.

In Wechseldialogen kommen Vertreter unterschiedlicher Disziplinen und aus verschiedensten Kulturräumen ins „Reden über die Wut“ und gehen im unvermittelten Zwiegespräch aktuellen lebensweltlichen Fragen zur Wut nach. Neue Blicke auf die Geschichte und Spannungsfelder der Wut und des Zorns eröffnen die Re-Lektüren von ausgewählten Schlüsseltexten.

Autoren, Künstler, Schauspieler, Intellektuelle und Teilnehmer des Wutgipfels sind geladen, den Schlüsseltexten zur Wut von Sloterdijk bis Lao Tse, von den Beat Poets zum Kommunistischen Manifest, von Wallenstein zu Seneca mit fachfremdem und unbedarftem Blick zu begegnen, zu lesen und zu kommentieren – ein Spaziergang und eine Neuverhandlung im Archiv der Wut.

Die Filme

Das Filmprogramm setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Ein dreitägiges Offenes Seminar unter Leitung von Georg Seeßlen – konzipiert und organisiert von der Guardini-Stiftung in Partnerschaft mit dem Haus der Kulturen der Welt – behandelt mit neun Fiktionen und Dokumentationen die Genese und Formen der Wut und ihre Widerspiegelung im Film: den Blick auf das Individuum und seinen Umgang mit der von alltäglichen Zumutungen verursachten Wut, den filmischen Blick auf Ausnahmezustände und den Zerfall der Gesellschaft, auf aktionistische Reaktionen und schließlich das Innerste der Wut.

Als zweiter Strang dieses Programmteils „Über Wut“ greifen Dokumentationen und Spielfilme mit ihren Mitteln die Themen der Lectures und Gespräche auf – in Dreifachprogrammen aus Diskurs, Ausstellung und Film.

Filmprogramm konzipiert von der Guardini-Stiftung in Partnerschaft mit dem Haus der Kulturen der Welt

Lernen & Erleben: „Wuträume“

Schulklassen und Seniorengruppen und Teilnehmer unterschiedlicher Bildungsprogramme haben hier die Gelegenheit zur eigenen künstlerischen Arbeit. Ausgehend von einer Spurensuche nach Relikten und Zeugnissen sozialer, politischer und emotionaler Ausnahmezustände entwickeln sie die ihnen gemäße Ausdrucksform ihrer Emotionen: Performance, Film, Präsentationen, Radiofeatures intervenieren in die Auseinandersetzung um das Phänomen „Wut“. Mehr über „Wuträume“...