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Jochen Schmidt: Die Schönschrift der Körper

Die Schönschrift der Körper


Der Choreograph Lin Hwai-min und seine Kalligraphie-Trilogie „Cursive“, das zur Zeit wohl wichtigste Tanzstück der Welt


Mit nichts kann sich ein Kritiker so blamieren wie mit einer Jubelarie. Gleichwohl behaupte ich: Es gibt – William Forsythe und Hans van Manen hin, Pina Bausch und Merce Cunningham her - derzeit in der internationalen Tanzszene nichts, das es an künstlerischer Bedeutung mit der „Cursive“-Trilogie des taiwanischen Choreographen Lin Hwai-min aufnehmen könnte. Schon die äußeren Dimensionen des Stücks sind außergewöhnlich. Das komplette Werk umfasst nicht etwa drei Einakter, sondern drei abendfüllende Choreographien, die ihrerseits die Entwicklung einer ganzen Kunstform – der chinesischen Kalligraphie – beschreiben, ohne dabei ins Anekdotische zu verfallen. Asiens wichtigster Choreograph, einer der bedeutendsten Tanzschöpfer der Gegenwart hat in die Vorarbeiten und die Produktion des gewaltigen Werkes fünf Jahre seines Künstlerlebens investiert. Aber das Ergebnis rechtfertigt die Mühe: Lins „Cursive“-Trilogie erfüllt den am Ende eines großen Jahrhunderts müde und flach gewordenen Tanz mit neuem Leben. Die Schönschrift der Körper, mit der die Tänzerinnen und Tänzer des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan große abstrakte, aber nie blutleere Bilder malen, vermittelt dem Betrachter, der schon alles gesehen zu haben glaubt, was sich als Tanz versteht, eine neue, andere Sicht auf die Kunstform, die Welt und das Leben.


Lin Hwai-min, der in seiner Heimat eine für Deutsche kaum vorstellbare Popularität genießt, ist in Berlin kein Unbekannter. Der Sohn eines hohen Politikers der Kuomintang-Regierung, der als Teenager durch die Begegnung mit José Limons „The Moor’s Pavane“ seine Liebe zum Tanz entdeckte, während eines Literatur-Stipendiums in den USA zum professionellen Tänzer wurde und 1973 in seiner Heimat Taipeh mit geliehenem Geld das längst zum Weltruhm aufgestiegene Cloud Gate Dance Theatre gründete, ist schon 1981 zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten und danach immer wieder gekommen. Mit „Songs of the Wanderers“ (1997 im Haus der Kulturen der Welt), „Moon Water“ (im August 1999 in der Deutschen Oper) und „Portrait of the Families“ (im Oktober 2000 im Schillertheater) hat Berlin drei der wichtigsten abendfüllenden Stücke Lins aus den letzten Jahren gesehen, und wenn seinerzeit Götz Friedrich, damals Intendant der Deutschen Oper, nicht quergeschossen hätte, hätte seine Kompanie sogar ein funkelnagelneues Werk von Lin bekommen, speziell auf Berlin als neue deutsche Hauptstadt zugeschnitten.


Der Beitrag des mittlerweile 59-jährigen Lin Hwai-min zur Weltgeschichte der Tanzkunst besteht in einer perfekten Verschmelzung des westlichen modernen Tanzes, den der tanzbegeisterte junge Mann in New York bei Martha Graham und Merce Cunningham studiert hat, mit asiatischen Stilen und Themen, zu einem ganz neuen, eigenen Vokabular. Mit in diesem Vokabular verfassten Stücken wie „Legacy“ (1978), das die Kolonialisierung der Insel Formosa durch chinesische Einwanderer schildert, „Nine Songs“ (1993), in dem zum ersten Mal das Tabu gebrochen wurde, wonach über die Greueltaten der Kuomintang in den vierziger Jahren öffentlich nicht gesprochen wurde, oder „Portrait of the Families“ (1997), das in Tänzen und Bildern fünfzig Jahre japanischer Besetzung aufarbeitete und letztlich auf eine Art ästhetische Unabhängigkeitserklärung von China hinausläuft, hat Lin nicht wenig dazu beigetragen, seinen taiwanischen Landsleuten das Gefühl einer kulturellen Identität zu vermitteln. „Cursive, a Trilogy“ lässt sich mit Fug und Recht als die bisherige Quersumme von Lin Hwai-mins choreographischer Arbeit bezeichnen, obwohl es sich in sozialer und politischer Hinsicht eher zurückhält.


Die Fruchtbarmachung der eigenen Wurzeln für eine taiwanische Art der Tanzkunst hat dem Choreographen schon früh am Herzen gelegen. Aber in den letzten Jahren hat er den Umgang mit der eigenen Kultur noch intensiviert. Lins Tänzer werden nicht nur im klassischen Ballett und im Modern Dance sowie im Kung-Fu, der Tanzkunst der Peking-Oper, trainiert, sondern – wie Stücke wie „Songs of the Wanderers“ (1994) und „Moon Water“ (1998) mit ihren extrem langsamen Bewegungen demonstrieren - seit Anfang der neunziger Jahre auch im Tai-Chi. Auch die „Cursive“-Trilogie ist letzten Endes das Resultat einer langen Beschäftigung mit den im alten China gepflegten Praktiken der Bewegung der Kontemplation. Seinen Titel aber und seinen Hauptantrieb leitet „Cursive“ her aus der Kunst der Kalligraphie, einer chinesischen Form der Malerei, auf der das Schwergewicht der Linschen Studien in jüngerer Zeit gelegen hat.


Beim Studium der Meisterstücke chinesischer Kalligraphie fand Lin Hwai-min, „dass jenseits aller stilistischen Unterschiede ein gemeinsames Element existierte: die konzentrierte Energie, mit der die Kalligraphen ‚tanzten’, während sie schrieben“. So ließ der Choreograph seine Tänzer zunächst zu stark vergrößerten klassischen Kalligraphien im Studio improvisieren. Die Tänzer nahmen die Energie der Schreibenden auf, folgten den Linien des Tintenflusses und setzten die Figuren der Schrift in Bewegungen um, die aus der Stille der Meditation in die schnellen Motionen der Martial Arts explodierten. Aus diesen Bewegungen erwuchs im Herbst 2001 der erste Teil der Trilogie, „Cursive“, der mit Vorgänger-Stücken wie „Songs of the Wanderers“ und „Moon Water“ zwar verwandt ist, die gelassenen Abläufe der geistesverwandten Vorgänger aber vor allem im zweiten Teil mit Einsprengseln von großer Schnelligkeit durchschießt.


Zu einer Auftragskomposition des in Shanghai lebenden Qu Xiao-song, die ein Cello mit mehreren Schlagzeugen kontrastiert, entfalten sich die zehn Bilder des Zweiteilers im Zusammenspiel von projizierten Kalligraphien und mit großer Energie entworfenen Tanzfiguren wie ein chinesisches Rollbild, auf dem freilich keine Landschaft zu sehen ist, sondern ein zeitgenössisches Tanzstück von seltener Intensität und großer Strenge.


Zwei Jahre später nimmt der Choreograph das für ihn unerschöpfliche Thema Kalligraphie wieder auf. Kalligraphien werden mit breitem Pinsel und Tusche geschrieben (oder gemalt). Dabei unterscheiden die Kenner fünf verschiedene Schattierungen der schwarzen Farbe. „Cursive“ befasst sich vor allem mit den tiefschwarzen Tönen und projiziert, relativ dramatisch, berühmte Beispiele älterer Kalligraphien hinter und neben die Tanzenden. Das neue Stück, „Cursive II“ betitelt, befasst sich vor allem mit den lichteren Farbschattierungen dieser Malerei und verzichtet völlig darauf, die Cloud Gate-Tänzer mit kalligraphischen Kunstwreken zu konfrontieren. Der Choreograph malt selbst, mit den Körpern der Tanzenden. Das heißt nicht, dass es in „Cursive II“ gar keine Projektionen gäbe. Doch benutzen diese Projektionen keine Kalligraphien, sondern vergrößerte Detailfotos jener kostbaren, eierschalen-weißen Porzellane, die in der Sung-Zeit (ab 900) entstanden sind.


Als Musik benutzt Lin Hwai-min diesmal Kompositionen von John Cage vorwiegend aus den frühen neunziger Jahren: asketische, nicht unmelodiöse Musikstücke aus Cages „asiatischer“ Phase, zum Teil für tibetische Instrumente, mit reichlich Stille zwischen den musikalischen Aktionen. Sie lassen den Tanz atmen und bereiten ihm ein Klima, in dem sich die Choreographie in aller Ruhe entfalten kann. Die – wie in „Cursive“ – zehn Sätze der Choreographie arbeiten wiederum vor allem mit dem Vokabular des Tai-Chi, doch anders, lyrischer als in „Cursive“. Der zweite Teil der Trilogie ist reine Poesie und definiert den Begriff choreographischer Schönheit neu – in chinesischer Zeichensprache zwar, doch in geistiger Verwandtschaft zu jener abendländischen Tradition der „weißen Ballette“, die von „Schwanensee“ und „Les Sylphides“ über Balanchine und Robbins bis zu Cunningham und Hans van Manen reicht.


Weitere zwei Jahre später, im Spätherbst 2005, vollendet Lin seine Kalligraphie-Trilogie mit „Cursive III“; die Musik, weitgehend aus harten Schlagzeug-Akzenten und Windgeräuschen bestehend, liefern diesmal die jungen Taiwaner Jim Chum und Liang Chun-mai. Auch die Kalligraphie selbst ist in Jahrhunderten nicht stehen geblieben, sondern hat sich zu zunehmend größeren Freiheiten entwickelt. Konsequenterweise führt „Cursive III“, als Entsprechung eines modernen, „wilden“, von jeglicher Tradition befreiten Stils der Kalligraphie, die Umsetzung der Schönschrift in Tanz in einen von jeglicher Vorschrift befreiten Ausdruck und damit nicht nur in die tänzerische Gegenwart, sondern bereits auf einen Weg in die Zukunft: eine grandiose Studie über Dynamik und den Ablauf von Zeit.


Die klassische Kalligraphie hat Lin dabei in die Rolle eines wenn auch wichtigen Ornaments gedrängt. Es gibt keine Projektionen mehr. Statt dessen senken sich aus dem Bühnenhimmel im stetigen Wechsel meterbreite Streifen eines blütenweißen Reispapiers herab, auf die unsichtbare Geräte schwarze Tusche geben, die im Herablaufen Zeichen auf das Papier setzt. Wiederum schreiben, vor und zwischen den weiß-schwarzen Stores, die Körper der Tanzenden die eigentliche Kalligraphie: das fulminante, tänzerisch perfekte 24-köpfige Cloud Gate-Ensemble in schlichten schwarzen Flatterkostümen, denen ein raffiniertes Lichtdesign eine magische Qualität verleiht.


Natürlich kann sich der Zuschauer aus der Trilogie auch Einzelteile herauspicken und isoliert genießen; jede der drei „Cursive“-Choreographien ist ein in sich geschlossenes, grandioses Stück. Doch erst in der Gesamtschau – zu der Berlin nach Hongkong die weltweit zweite Möglichkeit bietet; selbst in Taiwan sind „Cursive“, „Cursive II“ und „Cursive III“ noch nicht nebeneinander zu sehen gewesen – lässt sich ermessen, welches künstlerische Gewicht Lin Hwai-min mit „Cursive, a Trilogy“ gestemmt hat und wie fabelhaft ihm dieser ästhetische Kraftakt geglückt ist.


Jochen Schmidt