Schulen als Orte der Transformation

Von Silke Ramelow

Photo: Siora Photography on unsplash.com

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Die Auswirkungen des Klimawandels sind überall zu spüren und berühren alle Aspekte des Lebens. Dieser Tatsache zu begegnen erfordert globale Veränderungsprozesse. Wie und wo können Menschen den kulturellen, ökonomischen, ökologischen und sozialen Wandel so gestalten, dass eine nachhaltige Entwicklung hin zu einer guten und gerechten Welt möglich wird? Silke Ramelow, Gründerin und Vorstandsvorsitzende von BildungsCent e.V., zeigt auf sehr zugängliche Weise, wie wir Schule als Ort der Transformation neu denken können.

Transformation erfordert lebenslanges Lernen

Jeder Transformationsprozess ist immer auch ein großer Lernprozess für alle. Um der Bedeutung von Bildung Rechnung zu tragen, verfassen die Vereinten Nationen daher erstmalig im Jahr 2004 die Agenda „Education für Sustainable Development“. Ende 2019 wurde die dritte Aktualisierung unter dem Titel „Education for Sustainable Development 2030: Towards Achieving the SDGs“ [1] vorgenommen. (im Folgenden: BNE 2030)

BNE 2030 nimmt drei Bereiche in den Fokus:

  • Transformatives Handeln und im Besonderen, wie es gelingt, Lernende zu transformativem Handeln zu bringen.
  • Die strukturelle Ebene, insbesondere das Erkennen und Verändern der tieferen strukturellen Ursachen einer nicht nachhaltigen Entwicklung.
  • Die technologische Zukunft, die BNE 2030 im Hinblick auf die positiven aber auch die negativen Auswirkungen berücksichtigen muss.

BNE 2030 bezieht sich immer auf das lebenslange Lernen, das weit über die klassische formale Bildung hinaus geht. Schulen, Ausbildungseinrichtungen oder Hochschulen werden in der Regel nach den Jugendjahren verlassen und nie wieder aufgesucht. Während formale Bildung vor allem auf individuelle Karrierechancen ausgerichtet ist, kann non-formales und informelles Lernen Potentiale für eine gesellschaftliche Transformation hin zu einer guten und gerechten Welt freisetzen. Selbstwirksamkeit und Handlungs- und Gestaltungswille führen zu neuen sozialen Praktiken, die von Beteiligung und Offenheit geprägt sind.

Maja Göpel, wissenschaftliche Direktorin der Denkfabrik The New Institute und Honorarprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg, wies kürzlich [2] einmal mehr darauf hin, dass wir uns derzeit mitten in einem vielschichtigen Transformationsprozess befinden. Es geht nicht mehr um die Frage, ob wir diese Transformation akzeptieren oder nicht. Sie ist längst da. Entscheidend ist, ob und wenn ja, wie wir sie gestalten können und wollen.

Der Bedarf nach einem radikal anderen Handeln ist deutlicher denn je: Die Klimakrise strapaziert die planetarischen Grenzen in nie dagewesenem Maße. Die Artenvielfalt schwindet, der Kampf um sauberes Wasser hat gerade erst begonnen. Jährlich gelangen etwa 4,8 – 12,7 Millionen Tonnen Plastik in die Meere.[3] Die gegensätzlichen demografischen Entwicklungen – Überalterung auf der einen und hohe Geburtenraten auf der anderen Seite – fordern Politik und Sozialsysteme heraus. Klimawandel und Bevölkerungsentwicklung gehören nach Krieg, Gewalt und Armut inzwischen zu den wesentlichen Gründen für Migration; über 80 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht oder in Asylverfahren.[4] Die rasant zunehmende und hochgradig intransparente (von wenigen Firmen dominierte) Digitalisierung insbesondere der ökonomischen Prozesse und Finanzströme spaltet die Menschheit in diejenigen, die über Zugänge verfügen und diejenigen, denen diese verwehrt bleiben. Zugänge sind in der Regel ebenso verteilt wie Macht und Kapital. Pandemien als eine Folge einer zunehmend globalisierten Welt werden kein Einzelfall bleiben.

Perspektiven wechseln

Diese vielschichtigen und miteinander verwobenen komplexen Transformationsprozesse versetzen jede und jeden schnell in eine Schockstarre. Ein Gefühl von Ohnmacht breitet sich aus. Was kann ein*e Einzelne*r da tun? Wie können wir zuversichtlich bleiben und in Lösungen denken?

Maja Göpel schlägt vier Perspektivwechsel vor:

  1. Von Normalität zu Normativität
    Nur weil etwas da war oder ist, ist es noch lange nicht normal. Unsere bisherige Art und Weise zu transformieren hat uns in eine weltweite Risikogesellschaft [5] geführt. Niemand kann ernsthaft weiterhin die Zunahme der offensichtlichen Risiken der technisch-ökonomischen Entwicklungen wollen. Viel wichtiger ist es neue, zukunftsfähige Werte und Normen zu schaffen, die globale Risiken und Gefahren vermeiden und uns in unserem Handeln leiten. Was kann das neue wünschenswerte Normal sein?
  2. Von Realität zu Wirklichkeit
    Der Begriff der Realität geht auf res – die Sache oder das Ding – zurück. In der Realität geht es um Dinge, die geschaffen, be- und verarbeitet werden und die wir besitzen und anhäufen können. Der Begriff der Wirklichkeit geht auf actur – handeln zurück. In der Wirklichkeit geht es um die Wirkung unseres Handelns, um Beziehungen in Ökosystemen, um Rückkopplungen und das Entstehen von neuen Praktiken. Der Fokus liegt auf der Wirksamkeit. Mit welchem Handeln können wir – individuell und kollektiv – positiv auf die uns umgebende Welt einwirken?
  3. Vom Rückspiegel zum Horizont
    Oder auch: von der Reaktion zur Antizipation. In Zeiten großer Transformation gibt es fragile Momente, in denen das Alte noch nicht ganz vergangen und das Neue noch nicht da, noch unbekannt ist. In diesen Zeiten ist es wichtig, nicht auf die „morbiden Symptome“ des Alten zu blicken.[6] Antizipation heißt „vor der Lage“ zu sein, nach vorne zu schauen und eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Dazu braucht es vor allem Mut, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen.
  4. Von der Bequemlichkeit zur Beweglichkeit
    Das selbstfahrende Auto, der Bewegungsmelder, die ferngesteuerte Haustechnik, Convenience Food ..., alles wird begründet mit dem scheinbar natürlichen Wunsch der Menschen nach Bequemlichkeit. Nichts mehr tun müssen, für nichts die Verantwortung übernehmen. Bequemlichkeit ist vor allem ein riesiger Sektor von Industrie und Dienstleistung, der die globalen Risiken und Gefahren erhöht. Um die Transformation positiv zu gestalten, braucht es vielmehr Beweglichkeit, Agilität und Tätig-werden.

In Verbindung mit BNE 2030 bilden diese vier Perspektiven ein starkes Rahmenwerk für transformatives Handeln. Aber wo kann dieses transformative Handeln stattfinden? Bieten wir genügend Möglichkeitsräume und Zeit, damit transformative Praktiken erlernt und erprobt werden können?

Schulen als Möglichkeitsräume

Es gibt bereits eine Vielzahl an neuen, sogenannten dritten Orten [7], wie solidarische Landwirtschaften, Kunsthäuser als kommunale Lebens- und Gestaltungsräume, alternative Supermärkte oder freie Bildungshäuser. Viele von ihnen bleiben jedoch, gewollt oder ungewollt, einer gewissen Exklusivität verhaftet.

Wie wäre es, wenn Schulen diese Aufgaben übernehmen würden? Schulen sind überall und könnten sich als Orte der Transformation öffnen. Sie haben Platz, sind (in der Regel) gut ausgestattet und leicht erreichbar. Wie wäre es, wenn es zum Standard-Lernrepertoire der Schüler*innen gehörte, Lösungen für die Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung vor Ort zu erarbeiten und in der Schule mit den Anwohner*innen zu diskutieren und zu testen? Wie wäre es, wenn der alternative Supermarkt in die Schulkantine einzieht und die Schulküche bewirtschaftet? Wenn der Mittagstisch offen ist, damit die Umstellung auf überwiegend pflanzliche Ernährung gemeinsam mit den Menschen vor Ort angegangen wird? Wie wäre es, wenn es dort verschiedenste Reparaturangebote für Fahrräder, Elektrogeräte, Kleidung, Schuhe gäbe und Tauschbörsen? Ein Schulgarten könnte als Allmende bewirtschaftet werden. Wie wäre es, über Solaranlagen oder Windräder eigene Energie zu erzeugen und den schulischen Nahraum mitzuversorgen? Oder eine zentrale Glasfaserverbindung in der Schule zu haben, an die Anwohner*innen angeschlossen werden? So wäre die digitale Teilhabe gewährleistet. Künstler*innen, Handwerker*innen, Wissenschaftler*innen und andere Expert*innen gingen ein und aus und teilten ihr Wissen und ihr Können. Wichtige Gemeinderatssitzungen fänden hier öffentlich statt. In einer solchen Schule lernen nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern alle.

Spätestens seit Corona wissen wir, dass die Lehrpläne dringend überarbeitet werden müssen und es ganz und gar neue Lehr- und Lernarrangements braucht, um wirklich alle Lernenden zu erreichen und mit zukunftsgerichtetem Wissen und Kompetenzen auszustatten. Das Lernen im digitalen Raum hat viele Vorteile, wird es gut eingeführt und angeleitet. Für Schulhäuser und die Klassenräume können durch Corona ganz neue Raum-, Nutzungs- und Lehr- und Lernkonzepte entwickelt werden. Nicht nur, um mit der Zeit zu gehen, sondern um „vor der Lage“ zu sein. Resilienz ist hier das Stichwort. „Zuallererst braucht Transformation ein gewisses Maß an Disruption und Menschen, die bereit sind, ihre Komfortzone wie auch ihre gewohnten Denk- und Verhaltensmuster zu verlassen. Dies erfordert Mut, Durchhaltevermögen und Entschlossenheit.“ heißt es bei BNE 2030 unter Punkt 4.2.[8]

Wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche Mut, Entschlossenheit und Durchhaltvermögen entwickeln, dann sind wir verpflichtet, ihnen auch Räume der Entfaltung und des Wirkens anzubieten. Viel wichtiger ist jedoch, dass wir diese Räume auch selbst nutzen und gestalten und die einfache Tatsache annehmen, dass wir alle im Hinblick auf die großen Transformationen Lernende sind.

Autor*in: Silke Ramelow

Fußnoten:

[1] Originaltext ESD for 2030: https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000370215; Education for Sustainable Development: A Roadmap: https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000374802.locale=en

[2] https://www.youtube.com/watch?v=Ucc5FHUaYKc&t=4560s&ab_channel=ProjectTogether

[3] https://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/plastik/unsere-ozeane-versinken-im-plastikmuell, aufgerufen am 7.4.21

[4] https://www.unhcr.org/dach/de/55847-ueber-80-millionen-menschen-mitte-2020-auf-der-flucht.html, aufgerufen am 7.4.21

[5] Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1986.

[6] Antonio Gramsci, Gefängnishefte, H. 3, §34, 354f. https://www.bpb.de/apuz/309080/morbide-symptome-die-krise-der-menschenrechte

[7] https://www.hkw.de/de/programm/kulturelle_bildung/kiwit/dritte_orte.php

[8] Education für Sustainable Development 2030: Towards Achieving the SDGs ist bisher noch nicht vollständig ins Deutsche übersetzt. BildungsCent e.V. und Germanwatch haben eine erste Übersetzung der wichtigsten Teile vorgenommen. https://www.bildungscent.de/bildungscent/bildungscent-ev/