Schule in Bewegung

Von Josephine Papke

© Christina Voigt

© Christina Voigt

Welche Strategien sind notwendig, um pandemiegeplagten Schüler*innen Zuversicht zu vermitteln? Ein Tanzprojekt von vier Neuköllner Schulen erschafft Räume und Möglichkeiten, in denen Kinder von 8 bis 18 Jahren ihre Ängste, Sorgen und Visionen teilen. Der Dokumentarfilm Neukölln tanzt zeigt die Möglichkeiten eines aus der Krise erwachsenen visionären Schulexperiments.

Während der Corona-Pandemie wurde seitens der Politik fortlaufend über Maßnahmen für Schulen diskutiert. Aber nicht mit den Kindern und Jugendlichen selbst. Vielmehr stand die Einhaltung der Lehrpläne ganz oben auf der Agenda. Die einzelnen Schüler*innen und deren mentale Gesundheit kamen daneben oft zu kurz. Dass neben dem Befolgen von strikten Bildungsplänen andere Lernformen zur Weiterentwicklung von Schüler*innen effektiv beitragen können, zeigt der Dokumentarfilm zum inklusiven Tanzfestival Neukölln tanzt. Unter dem Arbeitstitel Es bewegt sich was kreierten und performten 48 Schüler*innen im Alter zwischen acht und achtzehn aus vier Neuköllner Schulen: der Fritz-Karsen Gemeinschaftsschule, dem Albrecht-Dürer-Gymnasium, der Lisa-Tetzner-Grundschule und dem sonderpädagogischen Förderzentrum Schule am Bienwaldring. Musikalische Unterstützung erhielt das Projekt von den freischaffenden Musikern Jan-Friedrich Conrad und Benjamin Jentsch.

Ursprünglich wurde das partizipative Projekt von den Pädagoginnen Friederike Jentsch der Schule am Bienwaldring und Kia Paasch des Albrecht-Dürer-Gymnasiums vor zwei Jahren als Live-Event initiiert. Beide lernten sich bei einer mehrjährigen Weiterbildung an der Universität der Künste Berlin kennen und entdeckten dort den kraftvollen pädagogischen Austauschcharakter, den der zeitgenössische Tanz bietet. In Kooperation mit Mitgliedern der Golden Gorkis des Maxim-Gorki-Theaters erarbeiteten sie 2019 mit verschiedenen Kinder- und Jugendgruppen Tanzpräsentationen. Das Festival war als fest institutionalisiertes, langfristig jährlich ausgelegtes Projekt konzipiert. So konnte es kurz vor Pandemiebeginn im Januar 2020 noch stattfinden, musste in der zweiten Runde jedoch wiederholt umgeworfen und verlegt werden. Schließlich entstand die Idee, einen Dokumentarfilm aus den verschiedenen Performances zu entwickeln, der mit der Berliner Dokumentarfilmerin Christina Voigt unter Einhaltung von Corona-Maßnahmen realisiert wurde. Musikalisch wurde das Projekt von der Berliner Band Seeed und dem amerikanischen Musiker Knox Chandler, sowie den freischaffenden Musikern Jan-Friedrich Conrad und Benjamin Jentsch unterstützt.

Der fertige Film mit dem Titel Neukölln tanzt feierte seine Premiere am 2. September 2021 im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt und wurde dort auf einer großen Open-Air-Leinwand gezeigt.

Das Engagement der Lehrenden

An den diesjährigen Tanzperformances waren weniger Gruppen als im Jahr zuvor beteiligt. Es war ungemein schwer, engagierte Lehrkräfte zu finden, die neben der ohnehin immensen Belastung durch die Corona-Pandemie zeitliche Kapazitäten freimachen konnten, berichtet Initiatorin Friederike Jentsch. Das Projekt wird zwar staatlich gefördert, sodass externe Mitwirkende wie die Dokumentarfilmmacherin entlohnt werden und die Lehrerinnen das Projekt im Rahmen ihrer Arbeitszeit entwickeln können. Doch die Realität bedeutet auch viel Eigeninitiative außerhalb der Regelarbeitszeit. Denn bevor Choreografien mit den Kindern und Jugendlichen konzipiert und einstudiert werden, müssen diese Konzepte vorbereitet und Förderungen organisiert werden.
Im digitalen Austausch entwarfen die Lehrerinnen zunächst einen Fragenkatalog, mit dem sich jede Gruppe individuell mit ihren Tänzen beschäftigen konnte. Dazu wurden Interviews mit den Kindern und Jugendlichen aufgenommen, in denen sie auf die Fragen rund um das Schul- und Alltagsleben in der Corona-Zeit eingehen konnten. Dabei wurden Themenkomplexe verhandelt wie: Welche Bedeutung hat Schule für dich? Wie fühlst du dich in der Corona-Pandemie und was gefällt dir besser, digitaler Unterricht oder Präsenz? Was bedeuten dir Familie und Freundschaft in der Corona-Pandemie? Was vermisst du am meisten? Was gibt dir Hoffnung, Stärke, Zuversicht? Was wünschst du dir von den Erwachsenen; von Politiker*innen, Lehrer*innen, Eltern? Wie stellst du dir dein Leben in Berlin vor, wenn die Pandemie vorbei ist?

Gesicht zeigen

Während die Kinder und Jugendlichen auf diese Fragen antworteten, trugen sie selbstgebastelte Masken, die sie individuell verziert hatten. Eine Symbolik, die verdeutlicht: Alle Schüler*innen sind durch dieselbe harte Zeit gegangen. Ihre individuellen Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse kamen jedoch zumeist zu kurz. In dem Dokumentarfilm dürfen die Kinder und Jugendlichen nun Gesicht zeigen und sich zum Zu-Kurz-Kommen ihrer Interessen und Anliegen positionieren. Bei den Porträtaufnahmen durfte jede Person außerdem einen persönlichen Gegenstand präsentieren, der sie in der Pandemie begleitet hatte. Bei vielen der Kinder und Jugendlichen war es ein Laptop oder I-Pad, bei manch einem eine Gitarre oder ein Baumstock aus dem Wald. Insbesondere die Schüler*innen des Förderzentrums am Bienwaldring waren während der Pandemie oft mit ihrer Lehrerin durch den naheliegenden Britzer Garten und die umliegenden Wälder spazieren gegangen, um dem Maskenzwang und der stickigen, einengenden Atmosphäre des Klassenzimmers zu entkommen. Das Erschließen neuer Räume half den Kindern im Kampf gegen die Einsamkeit. Für gewöhnlich gehören Umarmungen untereinander und mit den Lehrer*innen für viele der Kinder mit geistiger Behinderung zum Alltag. Nun mussten aufgrund der Vorsichtsmaßnahmen neue Wege gefunden werden, um nicht zu vereinsamen. Die Kinder erkundeten nun die Natur. Sie nahmen Blätter in die Hand und untersuchten diese, indem sie sie behutsam streichelten. Oder sie schauten sich die Rinde der Bäume an, rochen daran, umarmten sie oder versteckten sich hinter ihnen. All diese Bilder wurden später Bestandteile der Choreografien für den Tanzfilm. Die Bewegungen verhandeln, wie man sich nah sein kann trotz körperlicher und räumlicher Distanz. Welche Schritte kann man trotzdem aufeinander zugehen? Wie kann man sich und seine Bedürfnisse sichtbar machen? Wie lässt sich der Fokus verschieben, um beispielsweise die Umgebung wahrzunehmen, die sonst so oft vorbeirauscht? Wie und durch was lässt sich Nähe ersetzen?

Heilende Natur

Einen Teil des Unterrichts in die Natur zu verlegen, wurde von den Schüler*innen so positiv erlebt, dass dies auch jetzt noch ein fester Bestandteil im Lehrplan des Förderzentrums am Bienwaldring ist. Denn auch nach den akuten Krisenzeiten von Corona sind die Folgen der Pandemie bei vielen Kindern und Jugendlichen weiterhin spürbar. Viele haben das Bedürfnis nach Therapien und werden sicherlich noch eine Weile damit beschäftigt sein, diese traumatische Zeit zu verarbeiten. Das Schulsystem ist darauf allerdings nicht eingestellt. Während politisch viel darauf geachtet wurde, wie Schüler*innen den Zeitplan des Schuljahres möglichst einhalten können, ging die Beachtung ihrer psychischen Gesundheit fast gänzlich verloren. Das verdeutlicht, dass Schule mehr als sozialer Ort anerkannt werden muss und nicht nur als reine Bildungsinstitution. Das Bildungssystem muss verstärkt auf soziales Lernen setzen. Die Eigeninitiative und das persönliche Engagement von Pädagog*innen wie Friederike Jentsch zeigen, wie auf die Belange der Schüler*innen achtsam eingegangen werden kann, um mit ihnen gemeinsam zukunftsweisende Schulformen zu gestalten. Jedoch müssen Veränderungen auch strukturell implementiert werden, um wirklichen Wandel hervorzubringen und mehr Möglichkeiten zu garantieren, die sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Der inklusive Dokumentar-Tanzfilm Neukölln tanzt im Rahmen des gleichnamigen Festivals zeigt die Möglichkeiten eines aus der Krise erwachsenen visionären Schulexperiments.

Autor*in: Josephine Papke