Pressemitteilung vom 16.05.2018

Konferenz "Tiefenzeit und Krise, ca. 1930" (26.5. 13h-20h; 27.5. 13h-19.30h) im Rahmen von "Neolithische Kindheit", Haus der Kulturen der Welt

Neolithische Kindheit. Kunst in einer falschen Gegenwart, ca. 1930 | Kanon-Fragen

Tiefenzeit und Krise, ca. 1930
Konferenz im Rahmen der Ausstellung Neolithische Kindheit. Kunst in einer falschen Gegenwart, ca. 1930 (noch bis 9.7.2018)
Sa 26.5. 13h-20h & So 27.5. 13h-19.30h

Mit Irene Albers, James Clifford, Silvy Chakkalakal, Joyce S. Cheng, Anselm Franke, Tom Holert, Charles W. Haxthausen, Susanne Leeb, Sven Lütticken, Jenny Nachtigall, Sylvester Okwunodu Ogbechie, Kerstin Stakemeier, Maria Stavrinaki, Zairong Xiang
Deutsche und englische Simultanübersetzung
Tagesticket 11€/8€ inkl. Ausstellung

Akkreditierung erbeten:

Von der falschen Gegenwart der Weimarer Republik und Lebensphilosophien in Zeiten der Krise über Carl Einsteins „Erfindung“ afrikanischer Kunst bis zum Konzept von Yin-Yang und seinem queeren Potential: Die Konferenz Tiefenzeit und Krise, ca. 1930 zur Ausstellung Neolithische Kindheit. Kunst in einer falschen Gegenwart, ca. 1930 untersucht das Verhältnis zwischen den globalen Krisen um 1930 und der Gegenwart. Internationale Kunsthistoriker_innen und Wissenschaftler_innen beleuchten die kulturelle Bedeutung des Rückgriffs auf Tiefenzeit und Ursprungserzählungen.

Börsencrash und Massenarbeitslosigkeit, politische Polarisierungen, die Industrialisierung der Wahrnehmung, die Gewalt des Kolonialismus: „Ca. 1930“ war eine Zeit der Krise der Moderne. Auch den künstlerischen Avantgarden in Europa wurde ihre Zeitgenossenschaft zum Problem. Die Zumutungen der Gegenwart verleiteten Künstler_innen dazu, in einen Imaginationsraum der Archaik und Exotik auszubrechen – auf der Suche nach alternativen Ursprüngen und Nullpunkten der Menschheit. Vorstellungen über urzeitliche Anfänge und eine geschichtliche wie individuelle Kindheit spielten zentrale Rollen bei der Neubestimmung des Projekts der Moderne. Ausgehend von dieser Epoche des Umbruchs und den Schriften des außerakademischen Kunsthistorikers Carl Einstein thematisiert die Konferenz Tiefenzeit und Krise, ca. 1930 wie auch die Ausstellung Neolithische Kindheit die Öffnungen und Widersprüche, die sich von den 1920er bis in die 1940er Jahre in der Kunst und in den Humanwissenschaften manifestierten.

Die Ausstellung zeigt Kunstwerke, neben zahlreichen Publikationen, Archivalien und Filmen, von Hans Arp, Willi Baumeister, Georges Braque, Claude Cahun, Maya Deren, Sergei Eisenstein, Max Ernst, T. Lux Feininger, Florence Henri, Hannah Höch, Heinrich Hoerle, Valentine Hugo, Paul Klee, Germaine Krull, Len Lye, André Masson, Richard Oelze, Wolfgang Paalen, Jean Painlevé, Alexandra Povòrina, Gaston-Louis Roux, Kurt Seligmann, Kalifala Sidibé, Jindřich Štyrský, Toyen, Frits Van den Berghe, Paule Vézelay, Catherine Yarrow u. a.

Ausstellung und Konferenz sind Teil des Projekts Kanon-Fragen und kuratiert von Anselm Franke und Tom Holert; mit wissenschaftlicher Beratung durch Irene Albers, Susanne Leeb, Jenny Nachtigall, Kerstin Stakemeier.

Konferenz-Programm

Samstag 26.5.2018
13h
Einführung
Mit Anselm Franke & Tom Holert
Anselm Franke ist Leiter des Bereichs Bildende Kunst und Film des Haus der Kulturen der Welt.
Tom Holert arbeitet als Kunsthistoriker, Autor, Kurator und Künstler in Berlin.

13.30h
Vortrag
Susanne Leeb: „Tragische Ermüdung“. Zum Problem der Kulturkritik der 1920er Jahre
Die Hinwendung zu Künsten nichteuropäischer Gesellschaften sowie zur Urgeschichte war in den 1920er Jahren von massiver Kultur- und Zivilisationskritik geprägt. Die Diagnose vom Verlust der Gemeinschaft durch Modernisierungsprozesse, und die Fragen, auf welcher Basis diese wieder herzustellen sei und welche Rolle Kunst dabei spielen sollte, durchziehen die damalige Kunstpublizistik. Dabei bestimmten geschichtsphilosophische Grundannahmen die Weise, wie nicht-europäische Künste in solchen Weltkunsterzählungen vorkommen. Vor allem bei dem Kunsthistoriker Wilhelm Hausenstein kann man sehen, wie seine geschichtsphilosophisch genährte Gegenwartsdiagnostik in eine konservative Moderne kippte – eine Wendung, die dem Denken von Carl Einstein entgegen gesetzt ist. Der Vortrag geht diesen Denkfiguren nach und fragt, welches Geschichtsbild Handlungsoptionen eröffnet oder versperrt.
Susanne Leeb ist Kunsthistorikerin und arbeitet als Professorin für zeitgenössische Kunst mit einem Fokus auf transkulturelle Kunstgeschichten an der Leuphana Universität Lüneburg.

14.15h
Vortrag
Silvy Chakkalakal: “A Moment There! Don’t Move!” Ästhetik und Geschichtsbewusstsein in der Kulturanthropologie nach Franz Boas
Zwischen 1910 und 1940 war die nordamerikanische Kulturanthropologie und besonders die Ethnologie in der Nachfolge von Franz Boas eng mit den Milieus von Literatur und Musik, Film und Tanz verbunden. Sie arbeitete darüber hinaus mit Forschern aus anderen Wissenschaften zusammen. Diese Verflechtungen zwischen Kunst und Ethnologie waren von einem andauernden Überschreiten der Grenzen zwischen Disziplinen, Genres, Medien, Kulturen und Privatsphären geprägt. Beginnend mit den ersten Zeilen eines Gedichts von Edward Sapir erörtert der Vortrag Zeit und Zeitlichkeit als Motive etwa in der Dichtung von Sapir oder der wissenschaftlichen Arbeit von Boas‘ Schülerinnen Ruth Benedict und Margaret Mead. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einem Geschichtsbewusstsein der frühen Kulturanthropologie, das im gedanklichen Zusammenziehen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutlicher hervortritt.
Silvy Chakkalakal ist Juniorprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin.

15h
Gespräch
Mit Susanne Leeb & Silvy Chakkalakal, Moderation: Anselm Franke & Tom Holert

16h
Vortrag
Sven Lütticken: Die Gegenwart der Vorgeschichte
Der Begriff der „Vorgeschichte“ war von jeher ankerlos in der Zeit und entzog sich jeder Chronologie. Einerseits endete diese Vorgeschichte im Nahen Osten und in Europa angeblich schon vor langer Zeit mit den ersten Reichsgründungen und Schriftsystemen. Andererseits kam es den europäischen Kolonisatoren gelegen, bestimmte ihrer Untergebenen „noch in der Steinzeit“ anzusiedeln. Einige Spielarten des Marxismus wandten dieselbe Diagnose auf den westlichen Kapitalismus an und behaupteten, die Vorgeschichte sei noch nicht zu Ende – vielmehr stehe der Anfang der Geschichte (als Geschichte befreiter Menschen) noch bevor. Abwertenden Nutzungen des Begriffs widersprachen manche Künstler_innen und Denker_innen, indem sie auf zeitlose Errungenschaften von Steinzeitkulturen hinwiesen. Sie konstruierten etwa eine jungsteinzeitliche Gegenwart oder eine Gegenwart der Altsteinzeit mit dem Zweck, Teleologien der kolonialen Archäologie, der Völkerkunde und Ethnografie aus ihren Angeln zu heben. Der Vortrag setzt in der Zwischenkriegszeit an und unternimmt von dort Ausflüge in die Nachkriegsjahre und ins zeitgenössische Kunstschaffen.
Sven Lütticken unterrichtet Kunstgeschichte an der Vrije Universiteit, Amsterdam und Theorie am Dutch Art Institute (DAI) in Arnhem.

16.45h
Vortrag
Maria Stavrinaki: Gang durchs Neolithikum: Dauer, Wiederkehr, Ende
Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal in der Rezeption des Neolithikums und des Paläolithikums ist, dass ersteres sich nie offenbart hat. In seinen megalithischen Ausprägungen war es immer Teil der Landschaft und wurde nach wechselnden Legenden und Märchen als weit zurück reichender, gleichwohl völlig rätselhafter Ursprung gedeutet. Maria Stavrinaki konzentriert sich in ihrem Vortrag auf Episoden des Umgangs mit dem Neolithikum, nachdem dieses als klar umgrenzte vorgeschichtliche Periode bestimmt und von Fachleuten scharf gegen das Paläolithikum abgegrenzt worden war. Maria Stavrinaki erörtert zunächst das Aufgreifen des Neolithikums durch die englische Moderne in den 1930er Jahren und deren ideologisch zwiespältige Haltung zu Weltwirtschaft und Weltpolitik, Maschinen- und Massenzeitalter. Als Kontrapunkt dient ihr der Vergleich mit dem Neolithikum amerikanischer Künstler der Sechziger- und Siebzigerjahre wie Robert Morris und Robert Smithson. Anhand einer Auseinandersetzung mit Diskursen und Arbeitsweisen, die als Reaktionen auf Hiroshima entstanden, beschreibt sie abschließend die Entwicklung bis zu dem Punkt, an dem Theorie und Kunst das Ende des Neolithikums verkündeten.
Maria Stavrinaki ist Assistenzprofessorin für Geschichte und Theorie zeitgenössischer Kunst an der Université Paris I – Panthéon-Sorbonne.

17.30h
Gespräch
Mit Sven Lütticken & Maria Stavrinaki, Moderation: Jenny Nachtigall

18.30h
Vortrag
Joyce S. Cheng: Masken, die niemals fallen: Der Surrealismus und die Launen des Subjekts
In der surrealistischen Kunst und Literatur der späten 1920er und frühen 1930er Jahre spielte die Maske eine wichtige Rolle, indem sie den Antihumanismus der damaligen europäischen Avantgarde verkörperte und die geistigen Grundlagen des westlichen Humanismus zu zertrümmern beanspruchte. Unbeabsichtigt offenbarten Masken auch Ambivalenzen der avantgardistischen Entsubjektivierung. Joyce S. Cheng diskutiert surrealistische Theorien der Maske ausgehend von zwei ganz unterschiedlichen Ansätzen: Hannah Arendts Beschreibung der Anonymität als Voraussetzung totalitärer Herrschaft und Gayatri Spivaks Kritik am „verborgenen Subjekt”, d.h. an kritischen linken Theorien des souveränen Subjekts, die dieses Subjekt „tatsächlich erst hervorbringen”.
Joyce S. Cheng ist Assistenzprofessorin für moderne europäische Kunst am Department of the History of Art and Architecture der Universität Oregon.

19.15h
Vortrag
Sylvester Okwunodu Ogbechie: Carl Einsteins Negerplastik und die Erfindung der „afrikanischen Kunst“
Sylvester Okwunodu Ogbechie erörtert im Zuge seiner Neudeutung der afrikanischen Kunstgeschichte, wie die Bildersammlung und der Text von Carl Einsteins Buch Negerplastik einen problematischen Kanon afrikanischer Kunst schufen, der bis heute fortwirkt. Einsteins Buch spielte für die weltweite Rezeption der Kunst Afrikas eine wichtige Rolle, weil es diese Kunst in die damals aktuellen Debatten zum Inhalt der Form und zu numinosen Bildwelten im Kontext der Moderne einbezog. Doch Einstein zauberte die Kategorie „afrikanische Kunst“ mehr oder weniger aus dem Nichts herbei, indem er eine Reihe manipulierter und keineswegs repräsentativer Abbildungen zu einem Gesamtsystem ausdeutete. Die in seinem Buch abgebildeten Plastiken waren zumeist schon Reaktionen auf die koloniale Konfrontation. Sie stellten in Wirklichkeit kein „zeitloses Afrika“ dar, sondern belegten gerade die Aktualität der zeitgenössischen afrikanischen Kunst um 1900. Sylvester Okwunodu Ogbechie interpretiert das Buch Negerplastik im Kontext von Werken des Yoruba-Künstlers Olowe of Ise (ca. 1873-1938) und macht an diesem Beispiel deutlich, dass Carl Einstein die Dynamik der damaligen afrikanischen Protokolle bildlicher Darstellung übersah.
Sylvester Okwunodu Ogbechie ist Professor für Kunstgeschichte und Visual Cultures of Global Africa an der Universität von California, Santa Barbara.

20h
Gespräch
Mit Joyce S. Cheng & Sylvester Okwunodu Ogbechie, Moderation: Irene Albers
Irene Albers ist Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und für Romanische Philologie an der Freien Universität Berlin.

Sonntag 27.5.2018

13h
Vortrag
Tom Holert: Labyrinth und Flucht. Chronopolitik der Metamorphose
In der Pariser Zeitschrift Recherches philosophiques von 1935/1936 erschienen zwei Aufsätze von Georges Bataille und Émmanuel Lévinas über „das Labyrinth“ beziehungsweise „die Flucht“. Ansonsten ging es in dieser Sondernummer um „Meditationen über die Zeit“ mit Beiträgen zur Phänomenologie und Mythologie, darunter Jacques Lacans Rezension des Buchs Le temps vécu von Eugène Minkowski (1933). Tom Holert versteht diese Konstellation als eine – wenn auch implizite – Aufforderung, sich über Zeit in den Labyrinth- und Fluchtbewegungen der Kunst, Theorie und Wissenschaft der Zwischenkriegszeit Gedanken zu machen. Er bezieht sich dabei insbesondere auf das – prä- oder a-historische – Motiv der Metamorphose (einen Schlüsselbegriff auch im Denken von Carl Einstein) in einigen Malereien und Zeichnungen von Toyen, Ithell Colquhoun, André Masson, Paul Klee und anderen. Die Zeitlichkeit (und Chronopolitik) dieser Kunst, so seine Schlussfolgerung, prägte das Denken in binären Ordnungssystemen und hat bis in die Gegenwart Spuren hinterlassen.

13.45h
Vortrag
Zairong Xiang: Transdualismus: die A/historie von Yinyang
Der Transdualismus bietet die Möglichkeit, unterhalb (nicht jenseits) des „Dualismus“ zu verbleiben, also unterhalb der Logik von Entweder/Oder. Transdualismus will eine Kritik des Dualismus formulieren, die nicht selbst auf ein dualistisches Modell der Kritik zurückfällt, insbesondere was die Frage des Körpers und seiner geschlechtlichen Identität betrifft. Der Vortrag widmet sich zunächst dem Begriff „Transdualismus“ in einer dekolonialen, das heteronormative Denken umkehrenden Deutung des Yinyang und nutzt dazu dessen Etymologie sowie verwandte religiöse, medizinische und philosophische Texte. In weiterer Folge geht es um historische Wandlungen des Yinyang und um einige Schlüsselmomente der Moderne hauptsächlich im Europa der 1930er Jahre, in denen Yinyang studiert oder aufgegriffen wurde, nachdem hier auch wichtige Arbeiten zur chinesischen Philosophie erschienen und Hauptwerke in Übersetzungen verfügbar waren. Der Vortrag schließt mit Überlegungen zu (Fehl-)Deutungen von Yinyang und dessen trans-queerem, dekolonialen Potenzial. Sie betreffen Fragen der Zeitlichkeit und der Politik des Wissens in einem zeitgenössischen Klima der Stagnation und Feindseligkeit.
Zairong Xiang ist Postdoktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Minor Cosmopolitanisms, dem Graduiertenkolleg der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Universität Potsdam.

14.30h
Gespräch
Mit Tom Holert & Zairong Xiang, Moderation: Anselm Franke

15.30h
Vortrag
Jenny Nachtigall: Leben aus dem Takt
Ernst Bloch analysierte 1935 ein verbreitetes Gefühl falscher Zeitgenossenschaft als Ungleichzeitigkeit der Lebensformen, die die Gesellschaft der Weimarer Republik kennzeichne. Die Lebensphilosophie beschrieb er in diesem Zusammenhang als (koloniale) Pionier-Philosophie für den westeuropäischen „Dschungel“. Von unternehmerischem Elan getrieben, versteinere dieses Denken die Vorgeschichte zu einem leblosen ahistorischen Raum. In den folgenden Jahren eignete sich der Faschismus dieses Terrain des Unmenschlichen an. Jenny Nachtigall erkundet Unterschiede zwischen der faschistischen Beseitigung der Geschichte und des Subjekts als ihres Trägers einerseits, den gegenläufigen künstlerisch/theoretischen Angriffen auf Historismus und Anthropomorphismus andererseits. Davon ausgehend entwirft sie ambivalente Gestalten des Vitalismus in Krisenzeiten. Als historisches und politisches Register der Negativität setzt sie diese in Bezug zu Carl Einsteins a-subjektiver Lehre von den Gestaltwandlungen und einer „lebendigen Sterblichkeit“ in und jenseits der Kunst und diskutiert, was diese Sicht der Dinge heute noch zu bieten hat.
Jenny Nachtigall lehrt am Institut für Philosophie und Ästhetische Theorie der Akademie der Künste München.

16.15h
Vortrag
Charles W. Haxthausen: „... kein Buch über Braque.“ Anmerkungen zu Einsteins „Monografie“
Die inneren Widersprüche und Spannungen in Carl Einsteins letzter Veröffentlichung treten schon im Titel Georges Braque zutage: Denn dieses Buch handelt, wie Carl Einstein einem Freund anvertraute, in Wirklichkeit gar nicht von Georges Braque. Mit Abbildungen von 102 Werken Georges Braques und einer prachtvollen Sonderedition mit zwei Originalradierungen des Künstlers hatte Georges Braque allerdings alles, was man von einer Monografie erwarten konnte. Doch der Text bestätigt Carl Einsteins eigene Einschätzung. Eigentlich ist dieses Buch eine Art Flickenteppich widersprüchlicher Verkündungen über das Schicksal der Kunst in der Moderne. Es enthält Carl Einsteins letzte Formulierung seiner Utopie und zugleich schon die Andeutungen ihres bevorstehenden Zerfalls.
Charles W . Haxthausen ist emeritierter Robert Sterling Clark Professor of Art History am Williams College, USA.

17h
Gespräch
Mit Jenny Nachtigall & Charles W. Haxthausen, Moderation: Kerstin Stakemeier

18h
Vortrag
Kerstin Stakemeier: Intellectual Dangers
Die Monismen der Moderne – darunter die große Vielfalt ganzheitlicher Sehnsüchte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, neben denen die marxistischen Materialismen nur einen von zahlreichen Gedankensträngen bildeten – standen mit dem Aufstieg des Faschismus in Europa vor ihrem Scheitern an der Wirklichkeit. Sie mussten sich den vulgären Nationalismen, diesen rohen Verdrängungen der Entfremdung im modernen kapitalistischen Leben, geschlagen geben. Viele marxistische Intellektuelle waren am Boden zerstört. Von ihrer revolutionären Aufgabe war nichts mehr übrig. Eben noch Trümpfe der Arbeiterklasse, waren sie für diese nur noch ein gebildeter Ballast. Bertolt Brechts Tui-Roman. Fragment und Carl Einsteins Fabrikation der Fiktionen, beide aus dem Jahr 1930, entwerfen ein Bild dieser politischen und ästhetischen Situation des Zerbrechens und der Verachtung. Kerstin Stakemeier nähert sich dem Untergang der modernen Monismen als einem ebenso historischen wie zeitgenössischen Epochenbruch.
Kerstin Stakemeier ist Professorin für Kunsttheorie und -vermittlung an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg.

18.45h
Vortrag
James Clifford: Primitivismus und die Longue durée des Indigenen
James Clifford kontrastiert in seinem Vortrag den kritischen Primitivismus einer Künstlergeneration der 1920er – und 1930er Jahre mit heutigen Beschreibungen vor- oder nachkolonialer Tiefenzeit. Im Kräftefeld zwischen neoliberaler Vorherrschaft und Renaissance der Urgesellschaften geht er der Frage nach, inwieweit die europäischen Traditionen des Primitivismus und Exotismus heute noch überzeugen können. James Clifford erkundet die enge Verzahnung von Aneignung und Übersetzung in allen kulturübergreifenden Darstellungen und fragt, wie Zeitvorstellungen, die dem kapitalistischen Westen vorausgingen und über ihn hinaus weisen, den Stellenwert eines historischen „Realismus“ gewinnen können.
James Clifford ist emeritierter Professor am History of Consciousness Department der University of California, Santa Cruz und neues Mitglied im Programmbeirat des HKW.

19.30h
Gespräch
Mit Kerstin Stakemeier & James Clifford, Moderation: Susanne Leeb

Im Rahmen von Kanon-Fragen, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Unterstützt von der Akademie der Künste, Berlin. Digitalisierung des Carl-Einstein-Archives realisiert mit Mitteln des Hauses der Kulturen der Welt im Rahmen von Kanon-Fragen. Das Haus der Kulturen der Welt wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Auswärtigen Amt.

Pressekontakt:
Anne Maier
Leitung Presse | Pressesprecherin
Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
tel. +49 (0)30 397 87 – 153/196

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