2017: „Now is the time of monsters“

Foto: Lonneke van der Palen – Souvenir

Foto: Lonneke van der Palen – Souvenir

Diese Aussage steht im Januar auf großen HKW-Plakaten in der ganzen Stadt. Abgebildet ist die Rückenansicht einer Frau in Orange vor Bergpanorama. Ebenfalls im Januar entscheidet das Bundesverfassungsgericht gegen ein Verbot der NPD, Björn Höcke bezeichnet das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ und: Donald Trump nimmt sein Amt als 45. Präsident der Vereinigten Staaten auf.

„Now is the time of monsters“ (Jetzt ist die Zeit der Monster) liest sich wie ein direkter Kommentar zu diesen Ereignissen. Im Jahr, in dem in der Türkei das quasi-diktatorische Präsidialsystem und in Polen die umstrittene Justizreform eingeführt werden, in dem die ÖVP als stärkste Kraft aus den österreichischen Wahlen hervorgeht, hinterfragen die Thementage Die Jetztzeit der Monster das Konstrukt Nationalstaat als einzig denkbares politisches Ordnungsprinzip. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden überall auf der Welt andere Optionen erdacht und diskutiert, von der internationalen Friedensbewegung zu Vorstellungen eines föderalen Weltstaats, von transnationalen antikolonialen Bewegungen zum kommunistischen Internationalismus. Lässt sich heute – in einer Zeit erstarkender Populismen und Nationalismen – ein Bezug zu diesen alternativen Zukunftsvorstellungen wiederherstellen? What comes after nations?

Das Erbe imperialer Verhältnisse und daraus folgend rassistisch motivierter Ungleichheit, das eben dieser heute nicht mehr wegzudenkende Nationalstaat nach dem ersten Weltkrieg antrat, führte zu struktureller Gewalt, die die beispiellose Mordserie des NSU bis zur Selbstenttarnung der Terrorzelle möglich machte. Im HKW reflektiert Der Apparat des Rassismus, wie rassistische Motive im Deutungshorizont von Medien, Politik und Behörden so lange ausgeschlossen werden konnten.

In einer Gegenwart, in der Kulturkämpfe ganz neue Dimensionen annehmen, fragt im Herbst 2017 Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg, wie der Kampf um Hegemonie im Kalten Krieg die moderne Kunst prägte und mit welchen kulturpolitischen Waffen dabei gekämpft wurde. Die Ausstellung erzählt die Geschichte einer der Frontorganisationen der CIA, des Kongresses für kulturelle Freiheit (CCF), und prüft dabei, auf welche Weise im 20. Jahrhundert ästhetische Formen politisch vereinnahmt wurden.

Und wie verarbeiten ästhetische Formen politische Ereignisse und Entwicklungen, wenn sie nicht usurpiert werden? Die Rolle von Musik in politischen Umbrüchen und sozialen Emanzipationsbewegungen nehmen 2017 die zwei Festivals Free! Music und No! Music in den Blick. Bei Konzerten von dem südafrikanischen Free-Jazz-Veteran Louis Moholo-Moholo bis zu den Riot-Grrrl-Punkrockerinnen Pussy Riot, in Panels über Komponieren jenseits von Konventionen, DIY und Punk als Prinzip und einem Vortrag von Bill Drummond von der legendären 1990er-Band The KLF, der das Verschwinden der Musik proklamiert, geht es um musikalische Ausbrüche, Musik als Trägerin von Botschaften der politischen Befreiung und um die Abwehr – das „Nein, so nicht!“ als künstlerische wie politische Haltung.

All diese Projekte knüpfen unter dem Schirm des Langzeitprojekts 100 Jahre Gegenwart an Erfahrungen, Sackgassen und Utopien der Vergangenheit an mit dem Ziel, diese als Ressourcen zu nutzen für die aktive Gestaltung von Gegenwart und Zukunft jenseits von Rhetoriken vermeintlicher Alternativlosigkeit.

Wie also lässt sich aus einer „Jetztzeit der Monster“ heraus an Zukunftsentwürfen arbeiten? Das Projekt Schools of Tomorrow, das 2017 mit einer Auftaktkonferenz und einjährigen Schulprojekten startet, geht an eben jene Orte, an denen Zukunft maßgeblich geprägt wird. Schulen waren schon immer Orte, an denen Grundlagen für Weltanschauungen geschaffen und gesellschaftliche Formen des Zusammenlebens erprobt wurden. Ob Demokratie geübt oder die Anfälligkeit für Populismen geschürt wird – wie 2017 im Zuge der Schulreform der rechtskonservativen PiS in Polen – ist dabei entscheidend. Schools of Tomorrow fragt, wie Schule ganz konkret Zukunft gestalten kann. Das großangelegte Projekt erarbeitet mit Schüler*innen, Bildungspraktiker*innen und -expert*innen Zukunftsvisionen und Lernexperimente für die Labore der Gesellschaft von morgen.

Angesichts der beunruhigenden Entwicklungen in der Welt des Jahres 2017 lässt sich letztlich, mit der Bildungsforscherin Keri Facer gesprochen, doch ein hoffnungsvoller Ausblick geben: „The future is profoundly, creativley and excitingly unknowable. And it is not predetermined.“