2015: Realität ante portas

Mushon Zer-Aviv | Technosphere, Now | © Sebastian Bolesch, 2015

Mushon Zer-Aviv | Technosphere, Now | © Sebastian Bolesch, 2015

Dies ist das Jahr einer großen Zäsur: Jahrelang waren die tödlichen Dramen, die sich im Mittelmeer ereigneten, die Hunderte, Tausende auf der Flucht Umgekommener, trotz diverser hoch besetzter Konferenzen und Nachrichten-„Brennpunkte“ nur halb zur Kenntnis genommen worden. Und das nicht von der Politik allein. Dieses konzertierte Wegschauen wurde Anfang September 2015 schlagartig beendet. Die deutschen Grenzen wurden für die Geflüchteten offen gehalten, die in Ungarn und auf dem Balkan unter katastrophalen Umständen auf dem Treck waren. Alle Deutschen, Bürger*innen wie Institutionen, sind seitdem gezwungen, sich zu diesen „Folgen der Globalisierung“ (O-Ton Bundeskanzlerin Angela Merkel) zu verhalten. Wegschauen ist seit diesem Datum schwerlich möglich, Widersprüche müssen ausgetragen, Menschen muss zu einem selbstständigen Leben in Deutschland verholfen werden. Die Folgen für Innen- und Außen- und für die Politiken der Wahrnehmung werden noch die nächsten Jahre bestimmen.

In der Vergangenheit schon hatte das HKW auf die Folgen der gezielten Ignoranz hingewiesen, so etwa 2014 durch eine Left-to-die-Boat betitelte Arbeit in der Ausstellung Forensis zu den neuen bildgebenden Medien und ihren Folgen für kulturelle Vorstellungswelten. Da wurde mit Aufnahmen eines abbildenden Radars der Weg eines Bootes von Geflüchteten vor Lampedusa nachgezeichnet, dem kein Frontex-Schiff zu Hilfe kam – obwohl das, auch dafür wurde der Nachweis geführt, möglich gewesen wäre.

Jetzt baut das HKW auf der Kooperation mit dem Haus Leo auf. Dieses Haus für Geflüchtete gehört zur Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße ganz in der Nähe. Politisch-künstlerische Projekte werden in dieser Zusammenarbeit von und mit den Bewohner*innen entwickelt: Es entsteht Arriving in Berlin, eine Online-Karte Berlins, die die für Neu-Angekommene vordringlich interessanten Orte der Stadt festhält. Die Idee kommt von einer syrisch-afghanisch-iranischen Vierergruppe, eine größere AG legt fest, was da genau als „interessant“ gilt. Zuvor waren nach demselben Prinzip, dem der Selbstorganisation, schon mehrere Workshops gelaufen: Mein Garten ist dein Garten, mit dem sich Geflüchtete quasi erdeten, oder Professions, bei dem andere zeigten, dass sie nicht von Beruf „Flüchtling“ sind, sondern Friseur, Radiologin und so weiter, und in die Berliner Arbeitswelt eintauchten. Aus der Erfahrung, wie wesentlich digitale Kommunikation, vulgo: Smartphones, Apps, Facebook & Co, für die Geflüchteten sind, entsteht die nächste Idee: Der Kongress Zivilgesellschaft 4.0 – Geflüchtete und digitale Selbstorganisation findet im März 2016 statt, natürlich in Eigenregie zusammen mit dem HKW organisiert. Hier zeigt sich die Kompetenz von „Alltagsexpert*innen“, die um die reale Situation und die Bedürfnisse ihrer Gemeinden wissen. In den Arbeitsgruppen und Ergebnispräsentationen geht es um Austausch der beteiligten vielfältigen Initiativen über notwendige Fertigkeiten, Technologien, juristische, soziale und politische Rechte, eben um „Empowerment“ = Selbstermächtigung. „Elf Handlungsempfehlungen“ fassen Forderungen zusammen, die von einer Position als Teil der deutschen Gesellschaft formuliert sind und nicht allein die Folgen des Staatsversagens beklagen. Und die Projekte gehen weiter.

Das Thema Flucht bestimmt weiter die Öffentlichkeit. „Wir müssen die Ursachen und Anlässe von Flucht und Vertreibung verstehen, Lösungsansätze entwickeln“. So umreißt HKW-Intendant Bernd Scherer im Interview den politischen Rahmen des Vier-Jahre-Langzeitprojekts 100 Jahre Gegenwart, das im Herbst 2015 eröffnet, und fügt noch Frieden im Nahen Osten sowie Big Data und die fortlaufende Technologisierung hinzu. Selbstverständlich, man ist hier im HKW, dass es dabei nicht um platt-politische Forderungen geht, sondern um Prozesse des Umdenkens, Einsichten in langfristige Prozesse, um die Befreiung von vorgeblich alternativlosen Sachzwängen. Dass dies an einem ganzen Jahrhundert festgemacht werden soll mit dem Startpunkt 1. Weltkrieg, hat – so die These - mit dessen Langzeitwirkungen in Technik, Kultur, Umwelt und Sozialem zu tun. Die Geschichte querdenken, um alternative Zukunftsmodelle zu gewinnen. Doch nicht „alternate history“ à la „was wäre, wenn damals“, sondern die Überprüfung von Möglichkeiten der Vergangenheit, um Handlungsfähigkeit für heute zu gewinnen.

Bei diesem Projekt geht es auch um die Behauptung einer Methode: Sich nicht von Augenblick und momentanem Sachstand vereinnahmen lassen und so von vornherein jede Chance auf Übersicht verlieren. Also: hellwach im Hier und Jetzt.

Beim Auftakt von 100 Jahre Gegenwart war das Foyer denn auch von einer besonderen Installation bestimmt: Reto Pulfers Dehydrierte Landschaft des Zustands teilte mit Stoffbahnen das Foyer in weiche Räume, ein Brunnen plätscherte, Sitzkissen luden ein, dazu Soundkompositionen und Sprachimprovisationen des Künstlers, der – Achtung Klischee! – häufig in Asien gewesen ist, aber eben auch in den Alpen. Diese raumgreifende mnemotechnische „Merkhilfe“ war dazu da, mit unterschiedlich verknüpfbaren Situationen und Alltagsgegenständen Assoziationen aus dem Gedächtnis holen. Momente der Transformation, des Übergangs anzudeuten. Und was geschieht? Manche sehen in den Stoffbahnen die Zelte der Flüchtlingscamps gespiegelt. So dominierend waren die Bilder der letzten Monate.

Unter Titeln wie Der kommende Krieg, Der Angriff der Zeit auf das übrige Leben und Technosphere, Now wurden die Richtungen skizziert, in denen das Projekt die 100 Jahre Gegenwart eruiert – aber es war nur der Auftakt, ausgeführt werden sie erst 2016. Jedoch: Der erste Teil, die Wohnungsfrage, die mit Reformbewegungen und Mieter*innen-Kämpfen ja schon seit mehr als einem Jahrhundert immer neu gestellt wird, wurde schon bald danach thematisiert.

Angesichts massenhafter und zunehmend unbefriedigter Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum wirkte die Ausgangsfrage des Programms wie aus der Zeit gefallen: Wie könnte man anders zusammenleben? Ist die Frage nach partizipativem Bauen und selbstbestimmtem Wohnen nicht unbedarft? Aber genau darum ging es im HKW, und klar wurde: Es gibt Alternativen zur Alleinherrschaft der Rendite.

Das verdeutlichten historische Beispielen, etwa die durch Fotos und Beschreibungen dokumentierten Bauprozesse im Kibbuz Yagur, der vor fast 100 Jahren gegründet wurde. Die erschienen auch wie direkte Antworten auf die aktuelle „Geflüchtetenwohnungsfrage“. In diesem Kibbuz gehen die Bewohner*innen gemeinsam mit bekannten Architekt*innen auf die Suche nach angemessenen einfachen Hausformen. Dabei dreht es sich nicht ums Design, sondern um flexible Systeme, um die Spannungen des täglichen Zusammenlebens aufzufangen. Diese Fragestellung und die Skizzen der Bauten, die dabei entstanden, wirkten wie der genaue Gegenentwurf zu den ebenso herz- wie gedankenlosen Containerdörfern, die in Berlin bald zu entstehen drohen.

Alternativen zur Diktatur des Marktes wurden aber auch deutlich an den experimentellen Bauten der Ausstellung. Die waren nicht Präsentationen von fix-und-fertigen Architekturentwürfen, sondern von Ideen und Entwicklungsprozessen, aber ausgeführt in 1:1-Modellen von MDF-Platten und Holzbalken. Ideen und Pressspan, ein Widerspruch? Nicht im HKW.

Hier waren wieder „Expert*innen aus dem Alltag“ am Werk, Initiativen, die im Gespann mit internationalen Architekt*innen, Raumplaner*innen und Designer*innen soziale Bedürfnisse in Entwürfe umwandelten. Dabei etwa die Mieter*innen-Gemeinschaft Kotti&Co, die seit 2012 im Dauerprotest gegen unbezahlbare Mieten im Sozialen Wohnungsbau steht. Sie arbeitete zusammen mit Estudio Teddy Cruz + Forman. Das Recherche-orientierte Büro eines Architekten und einer Politikwissenschaftlerin unterstützt derzeit selbstorganisiertes Engagement in der Region San Diego. Heraus kam ein Protesthaus, türkisch Gecekondu: also nicht Wohnraum, sondern Werkstatt, Veranstaltungsraum und Signal des Widerstandes in einem. Es entstand nicht nur im HKW, sondern auch am Kottbusser Tor.

Die etwas weiter zurück liegende Vergangenheit des Geländes „am Cottbusser Thor“, noch vor dem Bau der Hochbahn, ist übrigens ein riesiges Obdachlosenlager: die „Freistadt Barackia“. Notdürftige Hütten am damaligen Stadtrand, in den 1870er Jahren errichtet von Schlesier*innen, Ostpreuß*innen, Pommer*innen und weiteren Migrant*innen auf der Suche nach Arbeit in der boomenden Stadt.

Axel Besteher-Hegenbart