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Episode 14 / 1969: Linke SPD, rechte SPD und starke Sprüche

1969 | Bürgermeister Schütz spricht auf dem Ausserordentlichen Parteitag der SPD Berlin | Copyright: ullstein - Berlin-Bild

1969 | Bürgermeister Schütz spricht auf dem Ausserordentlichen Parteitag der SPD Berlin | Copyright: ullstein - Berlin-Bild

Schütz und Ristock auf außerordentlichem SPD-Parteitag in der Kongresshalle

Eigentlich ist das Thema eher trocken, dennoch hat der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz in diesem Frühjahr große Auftritte in der Kongresshalle. Es geht um eine neue Satzung im Januar bei einem außerordentlichen Landesparteitag der Sozialdemokraten, Paragraphen werden bebrütet. Solche Diskussionen, die oft zu heiklen Verhandlungen zwischen den unterschiedlichen Lagern mutieren, sind um so heikler in der aufgeheizten Atmosphäre der „68er-Jahre“. Immerhin hatte ein erster Parteitag zum selben Thema nur zwei Monate zuvor ergebnislos beendet werden müssen. Der Parteirechten stehen in der Berliner SPD Genossen wie Harry Ristock gegenüber, Ex-Mitglied im Landesvorstand, der zur Zeit des Treffens in der Kongresshalle wegen einer Parteistrafe keine Ämter ausüben darf. Er war bei der großen Anti-Vietnamkriegs-Demonstration im Februar 1968 gut öffentlich sichtbar mitgelaufen, ein Schild hocherhoben: „Ich protestiere gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam. Ich bin Sozialdemokrat.“ Heftige Kritik kam von Schütz, der mit dafür gesorgt hatte dass die Demonstration anfänglich verboten war. Die Reaktion der SPD: Sofortiger Ausschluss Ristocks, was dann ein paar Tage später zum Ämterverbot abgemildert wurde.

Nun steht Schütz vor dem Parteitag, spricht bei seiner Einleitungsrede von „tiefen Gräben“, „starken Gegensätzen“ und beschwört ein Miteinander, dass es nicht wichtig sein dürfe, ob ein Vorschlag „aus Kreuzberg oder aus dem schönen Wilmersdorf kommt“. Er hat viel Vermittlungsarbeit geleistet, die Rechten stecken zurück. Satzung angenommen, starker Beifall. Ristock attestiert Schütz eine ausgleichende Rolle, wie sie früher Willy Brandt übernommen habe.

Das ist eine neue Funktion für Klaus Schütz, der zuvor – wenn er nicht im Stillen als Wahlkampfmanager für Brandt arbeitete - eher durch polarisierende Auftritte bekannt geworden war. In den Auseinandersetzungen des Jahrs 1968 hatte er den Satz „Schaut diesen Typen ins Gesicht“, dann würde man schon wissen … auf die SDS-Studenten gemünzt und war von allen Seiten erfolgreich missverstanden worden. Die Berliner, die sowieso alle Linken ab über die Mauer expedieren wollten, hörten „Schlagt diesen Typen ins Gesicht“, was sie auch unmittelbar danach taten. 26 Verletzte bei einer Anti-Anti-Vietnamkriegskundgebung vorm Rathaus Schöneberg. Die radikale Linke verstand das genauso und fühlte sich gemeint. Entsprechend wird Schütz zitiert, von niemand anders als von Frau Meinhof in ihrem die RAF vorbereitenden Aufsatz „Vom Protest zum Widerstand“ und indirekt sogar im Aufruf „Die Rote Armee aufbauen“. Auch die Linken, die damit nichts zu tun haben, sich aber seit der Verabschiedung der Notstandsgesetze, seit den Schüssen auf Ohnesorg und Dutschke in einer Notwehrsituation fühlen, können ihre Gewaltfantasien ausleben. Auf dem Kudamm hört man „Brecht dem Schütz die Gräten, alle Macht den Räten“.

Dennoch, die Straßenauseinandersetzungen flauen ab, die Mehrzahl der Linken tritt den Marsch durch die Institutionen an. Harry Ristock macht damit auch weiter, 1973 Mitglied im Bundesvorstand, ab 1975 Bausenator. Er ist dann einer der ersten, die zur Kongresshalle eilen, als das Dach einstürzt. Aber das ist eine andere Episode.

1969 jedenfalls bekommt die Halle erst einmal Besuch vom R&B: Der Vater des weißen Blues John Mayall tritt auf, seine Bluesbreakers spielen „Treat Me This Way“ und „Ready to Ride“.
A.B.

In der nächsten Woche gerät die Berlinale in die schwerste Krise ihrer Geschichte, in Episode 15: 1970

Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Landesverband Berlin, 25. Landesparteitag, Außerordentliche Tagung, 18. Januar 1969, Mitschrift
Der Tagesspiegel 18.1. + 19.1.1969
Berliner Morgenpost 19.1.1969
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