30 Jahre „Rasse, Klasse, Nation“: Ambivalente Machtverhältnisse (Arbeitstitel)

Zur Aktualität eines Dialogs von Étienne Balibar und Immanuel Wallerstein
Do, 15. März 2018 — Sa, 17. März 2018

Cover der französischen Erstausgabe von Rasse, Klasse Nation (Detail) | © Henri Cattolica und Éditions La Découverte

Cover der französischen Erstausgabe von Rasse, Klasse Nation (Detail) | © Henri Cattolica und Éditions La Découverte

Rassismus artikuliert sich in Klassenverhältnissen und verstärkt sich mit nationalistischen Strömungen. Für emanzipatorische und solidarische Gesellschaftsentwürfe braucht es ein neues Verständnis dieser Dynamik. So lautet die bis heute zutreffende Diagnose des bahnbrechenden Bandes Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten von Étienne Balibar und Immanuel Wallerstein. 30 Jahre nach seiner Ersterscheinung, in Zeiten der Hochkonjunktur dieser unheilvollen Trias, ist es dringend geboten, die mehrdeutigen Wirkweisen ihrer Verbindungen neu zu bestimmen.

Staat und Gesellschaft sind einem umfassenden Wandel unterworfen – sei es durch die globale Finanzialisierung der Märkte, die sich lokal auswirkt, die logistische Durchdringung von Produktion und Alltag oder die Digitalisierung, die etwa auch das Konzept von (Staats-) Bürgerschaft vor ganz neue Herausforderungen stellt. Im Zuge des globalen Kapitalismus richten sich rassistische Strukturen neu aus, etablierte Klassenstrukturen transformieren sich. Dagegen formieren sich neue transnationale soziale Bewegungen – etwa feministische Initiativen, die #Black Lives Matter-Bewegung und die Kämpfe von Migrant*innen um Rechte und Selbstbestimmung. Diese Gemengelage macht eine Untersuchung der Konjunktur von Rassismus in Bezug auf Klassenverhältnisse und Nationalismen erforderlich.

Das dreitägige Symposium 30 Jahre „Rasse, Klasse, Nation“: Ambivalente Machtverhältnisse (AT) geht dieser Neubestimmung mit Theoretiker*innen und Aktivist*innen aus unterschiedlichen fachlichen, sprachlichen und lokalen Perspektiven nach. In Diskussionen, Vorträgen und Präsentationen untersuchen sie neue Formen des Rassismus, befragen überkommene Vorstellungen von Klasse und die radikalen Transformationen, denen der Begriff der Nation heute ausgesetzt ist. Schon Balibar und Wallerstein verstanden die „Praxis der Theorie“ als fortwährenden Dialog zwischen unterschiedlichen Positionen und als Raum für neue Untersuchungsperspektiven. Indem sie der Frage nachgingen, wie die geschichtlichen Konstruktionen von Rasse, Klasse und Nation zusammenhängen, wagten sie eine Bestimmung der Konjunkturen des Rassismus der Gegenwart, die heute aktualisiert werden muss. Diese Suchbewegung in dialogischer Form greift das Symposium für den gemeinsamen Verständigungsprozess auf und fragt nach dem globalisierten Kontext dieser ambivalenten Konstruktionen. Wie lässt sich ihre andauernde Wirksamkeit heute gesellschaftspolitisch verhandeln und wie kann dabei eine theoretische Praxis dienlich sein?

Rasse, Klasse, Nation wurde seit der französischen Erstveröffentlichung von 1988 in neun Sprachen übersetzt. Wichtige Fragestellungen aus weltweiten Debatten zum Buch bilden die Grundlage des Symposiums – Recherchen zu seiner Rezeption in Ländern wie Griechenland, Palästina, Südkorea und den USA werden ebenso präsentiert wie Ergebnisse aus Workshops in Ankara, Belgrad, Berlin, Buenos Aires, Kolkata und Kapstadt zu seiner Aktualität und Perspektivierung. Zur Veranstaltung erscheint ein Band, der die Recherchen zur Rezeption und die Workshop-Ergebnisse versammelt. Ein Film der Wissenschaftler und Filmemacher Charles Heller und Lorenzo Pezzani mit Étienne Balibar und Immanuel Wallerstein im Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Manuela Bojadžijev erläutert den Kontext der Entstehung des Buches, diskutiert dessen Ansatz und aktualisiert im Dialog der beiden Autoren zentrale Thesen aus heutiger Perspektive.

Mit Étienne Balibar und Immanuel Wallerstein, Brenna Bhandar, Petar Bojanić, Maria Chehonadskih, Zimitri Erasmus, Verónica Gago, Kelly Gillespie, Ruth Wilson Gilmore, David Theo Goldberg, Raquel Gutiérrez Aguilar, Charles Heller und Lorenzo Pezzani, Geraldine Heng, Sandro Mezzadra, Antonio Negri, Ranabir Samaddar, Nishant Shah, Kaushik Sunder Rajan, Françoise Vergès u. v. m.

Kuratiert von Manuela Bojadžijev und Katrin Klingan

Im Rahmen von 100 Jahre Gegenwart

Symposium

15.–17.03.2018