Bagyi Aung Soe

Bagyi Aung Soe | Untitled, 1980er Jahre. Filzstift auf Papier | Courtesy of Gajah Gallery

Bagyi Aung Soe | Untitled, 1980er Jahre. Filzstift auf Papier | Courtesy of Gajah Gallery

Die Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts in Myanmar wird gerade erst geschrieben. Doch Bagyi Aung Soe (1923–1990) gilt schon jetzt als Wegbereiter der dortigen Moderne. In den 1940er Jahren versuchte er, sich autodidaktisch als politischer Karikaturist zu etablieren. Sein Erfindungsreichtum und sein Talent erregten die Aufmerksamkeit von Birmas Großliteraten Dagon Taya (1919–2013), Min Thu Wun (1909–2007) und Zawgyi (1907–1990), die bei ihm Illustrationen für die Literaturzeitschrift Taya bestellten und ihn für ein Stipendium der indischen Regierung empfahlen. Das ermöglichte ihm, an der von Rabindranath Tagore (1861–1941) gegründeten Visva-Barati-Universität in Santiniketan in der Nähe von Kalkutta zu studieren. Dank dieser Förderung gehörte der 27-Jährige bald zu Ranguns vielversprechendsten Nachwuchskünstlern.

Nach seiner Rückkehr aus Indien 1952 arbeitete Aung Soe, angeregt von den philosophischen und ästhetischen Lehren seiner indischen Gurus, an der Entwicklung seiner spezifischen Bildsprache. Die Hegemonie der westlichen Moderne zu akzeptieren, war er nicht gewillt, experimentierte aber mit westlichen Avantgardestilen – wie auch mit anderen internationalen etablierten und aktuellen Kunstformen. Da er die Kommodifizierung der Kunst zum Luxusartikel ablehnte (und es in Birma ohnehin keinen Kunstmarkt gab), war er hauptsächlich auf dem Gebiet der Illustration tätig. Er nutzte sie auch als Medium, um der breiten Bevölkerung Kunst näherzubringen. Während seiner gesamten, vier Jahrzehnte dauernden Laufbahn versuchte Aung Soe außerdem, seinen Mitmenschen mit Artikeln in auflagestarken Zeitungen und Zeitschriften eine Wertschätzung für Kunst zu vermitteln. Zu diesem Zweck brachte er 1978 auch eine Auswahl seiner Illustrationen unter dem Titel Poesie ohne Worte und die Artikelsammlung Von der Tradition zur Moderne heraus.

In den 1970er Jahren verbuchte er auch Erfolge im Film. Von 1962 bis 1978 lehrte er bildende Kunst und Kunstgeschichte am Yangon Institute of Technology und an der Yangon University. Obwohl er danach aus gesundheitlichen Gründen seine Lehrtätigkeit und Filmarbeit aufgeben musste, schrieb und malte er während der 1980er Jahre unablässig weiter. In den letzten zehn Jahren seines Lebens entwickelte er aus intensiver Meditationspraxis und Erforschung der buddhistischen Philosophie eine eigentümliche Bildsprache, die er selbst manaw mahekidi dat spangy nannte: das Malen wesentlicher Elemente der materiellen Welt durch die Kraft mentaler Konzentration.

Aung Soes bedeutendstes Vermächtnis für die Kunst Myanmars sind weniger sein Stil oder seine Technik, sondern die Tatsache, dass er in Myanmar ein neues künstlerisches Bewusstsein erweckt hat. Seinen Erfolgen zum Trotz verkörperte er den Archetypus des verarmten und verkannten Genies. Dass er seine Kunst in den Dienst des spirituellen Wandels statt des Marktes stellte, machte ihn bei den Machthabern nicht beliebt, brachte ihm aber die Hochachtung der Intellektuellen ein. Im Sinne einer Geschichte der modernen Kunst, die über den Horizont Europas und Amerikas hinaus blickt, zwingt uns Aung Soes einzigartige Verbindung von Methoden verschiedener Zeitalter und Traditionen (auch aus Naturwissenschaft, Populärkultur und alten Glaubensvorstellungen) dazu, die gängigen kunsthistorischen Erzählungen und Periodisierungen zu überdenken.

Yin Ker