Erschlagt die Armen!

Shumona Sinha | Lena Müller

PREISTRÄGERINNEN 2016

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!
Aus dem Französischen von Lena Müller | Assommons les pauvres!
Edition Nautilus 2015 | Editions de l'Olivier, Paris 2011

„Die diagnostische Kraft der Literatur: Dieser Roman ist im Original 2011 erschienen und weit mehr als ein Kommentar zur aktuellen Lage. Die in Kalkutta geborene und seit 15 Jahren in Paris lebende Autorin evoziert in einer ebenso wütenden wie poetischen und präzisen Suada ein Drama unauflösbarer Verwicklungen: Es treten Geflüchtete mit ihrer inneren Not, all ihren biographischen Brüchen auf und Beamte einer Asylbehörde mit ihrer inneren Distanz. Der Monolog der Ich-Erzählerin – Dolmetscherin in einer französischen Asylbehörde – vermeidet den paternalistischen Blick wie auch xenophobische Paranoia. In ihrer Zwischenstellung im Niemandsland der Sprachen, Kategorien und Weltverständnisse führt sie unnachgiebig vor, was passiert, wenn die Wahrheit nicht ins Schema passt. Lena Müller hat die raue Prosa Sinhas mit ihren ungebärdigen, die Wirkmacht der Sprache auslotenden poetischen Widerhaken kraftvoll ins Deutsche gebracht.“
(Jurykommentar zur Wahl der Preisträger 2016)

Erschlagt die Armen!

Erschlagt die Armen!

Eine junge dunkelhäutige Frau, die als Dolmetscherin in der Pariser Asylbehörde arbeitet, zieht einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf. Auf der Polizeiwache findet sie sich auf der anderen Seite des Verhörtisches wieder: Was ist die Wahrheit, welches sind die Beweggründe für die Tat? Fragen, die sie tagtäglich für die Geflüchteten, zumeist Männer, übersetzen muss – die Antworten, die sie den Sachbearbeiterinnen dolmetscht, klingen alle gleich; feine Nuancen sollen Zeichen sein für gekaufte Geschichten oder bittere Realität. Während keiner in dieser Maschinerie ein Individuum sein kann, ist jede Begegnung eine zermürbende Auseinandersetzung. Die Ich-Erzählerin steht zwischen den Fronten von verzweifelten Antragstellern und unwilligen Entscheidern und kann nur in unumwundenen Worten, wilder Wut und entgrenzter Sprache dieser Beengung entgehen.

Shumona Sinha | © Patrice Normand

Shumona Sinha | © Patrice Normand

Die Autorin

Shumona Sinha, 1973 in Kalkutta geboren, lebt seit 2001 in Paris und studierte an der Sorbonne Literaturwissenschaft. Von 2001 bis 2008 arbeitete Sinha als Lehrerin für Englisch an weiterführenden Schulen; ab 2009 arbeitete sie selbst als Dolmetscherin in der französischen Migrationsbehörde. 2008 erschien ihr erster Roman Fenêtre sur l’Abîme. Nach der Veröffentlichung von Erschlagt die Armen! 2011 verlor sie ihre Anstellung. Ihr dritter Roman Calcutta (veröffentlicht 2014) wird in deutscher Übersetzung von Lena Müller im August 2016 erscheinen. Sinha veröffentlichte mehrere Gedichtbände auf Französisch und Bengalisch. Erschlagt die Armen! wurde mit dem Prix Valery- Larbaud 2012 und dem Prix du roman populiste 2011 ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Prix Renaudot und Prix Médicis.

Zuletzt auf Französisch erschienen:

  • Fenêtre sur l'abîme; Éditions de La Différence, Paris 2008
  • Calcutta; Édition de l'Olivier, Paris 2014

Lena Müller | © Philippe Soubias

Lena Müller | © Philippe Soubias

Die Übersetzerin

Lena Müller, geboren 1982, studierte Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim und Erwachsenenbildung und Kulturvermittlung in Paris. Sie ist seit 2009 Mitherausgeberin und Redakteurin der französischsprachigen Zeitschrift timult. Seit 2012 arbeitet sie als freie Übersetzerin und Autorin. 2013 war sie Stipendiatin im Goldschmidt-Programm für junge Literaturübersetzer, 2015 erhielt sie ein Aufenthaltsstipendium im Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen.

Zuletzt erschienen:

  • Editionsprojekt Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 5, 12, 13 und 14 (in Zusammenarbeit mit Inga Frohn); Oldenbourg Verlag, Bände erscheinen seit 2008
  • Georges Bensoussan: Eine unvergleichbare Geschichte? (in Zusammenarbeit mit Inga Frohn), in: Günther Jikeli, Kim Robin Stoller, Joelle Allouche-Benayoun (Hg.): Umstrittene Geschichte - Ansichten zum Holocaust unter Muslimen im internationalen Vergleich; Campus-Verlag 2013