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Die Shortlist des Jahres 2015

Die Shortlist des Jahres 2015 wurde am 1. Juni veröffentlicht. Zu ihrer Entscheidung kommentierte die Jury:

„In einer zunehmend fragmentierten Welt wird es immer wichtiger, altbekannte Mythen und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, zu überschreiben und zu transformieren. Dies ist eine der Herausforderungen, der sich die diesjährige Shortlist stellt: Individuelle Selbstermächtigungen in unwirtlichem Umfeld prägen NoViolet Bulawayos Romandebüt, Patrick Chamoiseaus philosophische Robinsonade und Krisztina Tóths unsentimentale Kindheitsgeschichte. Gleichzeitig geht der Blick auf die noch unaufgearbeitete Vergangenheit des 20. Jahrhunderts und die literarische Wiederaneignung des Verdrängten - so in Daša Drndićs Dokumentarroman über die Ermordung der Juden in Südosteuropa und in Gilbert Gatores Opfer-Täter-Roman über den ruandischen Völkermord von 1994. Der bekannte Mythos vom Verrat wird bei Amos Oz zu einem intellektuellen Entwicklungsroman im Israel der 1950er Jahre. Jenseits überkommener Wahrnehmungsraster wagen sich die Autoren und Übersetzer der Shortlist auf sprachliches und thematisches Neuland.”

Folgende Autor*innen und deren Übersetzer*innen sind 2015 mit ihrem Werk nominiert (in alphabetischer Reihenfolge der Autor*innen):

NoViolet Bulawayo | Miriam Mandelkow
Wir brauchen neue Namen

Englisch: We Need New Names
Suhrkamp Verlag 2014 | Little, Brown and Company, New York 2013
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Aus dem Kommentar der Jury:
„NoViolet Bulawayos Debütroman erzählt vom Coming of Age unter Migrationsbedingungen. Armut, Gewalt und Vernachlässigung sind selbstverständlich angenommene Grundkonstanten einer Slum-Kindheit in Simbabwe. Erfüllt von Leben ist nur der eigene Kosmos, geschaffen aus Freundschaft und grellbunter Kinderphantasie, und diesen verliert die jugendliche Protagonistin nach ihrer Auswanderung in die USA: Sprachlose Heimatsehnsucht und Fremdheit werden Teil ihrer neuen Identität, passagenweise kommentiert von einer fast lyrischen, immanenten Erzählerstimme. Die kreative kindliche Rollenprosa, die den sprachlichen Grundton des szenischen Romans bestimmt, funkelt auch in der deutschen Übersetzung von Miriam Mandelkow schmerzvoll und schön zugleich.“

Patrick Chamoiseau | Beate Thill
Die Spur des Anderen

Französisch: L'empreinte à Crusoé
Verlag Das Wunderhorn 2014 | Éditions Gallimard, Paris 2012
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Aus dem Kommentar der Jury:
„Patrick Chamoiseau gelingt hier die nuancierte Neuschreibung des Robinson-Mythos – ein Meisterwerk, in welchem der Protagonist, ein nunmehr schwarzer Schiffbrüchiger, keine westliche Projektionsfigur ist, sondern stolzer Erfinder seiner selbst. Ein Bewusstseinskrimi, der europäischen Rationalismus zu weiten versteht, ohne ihn zu denunzieren, ein Fest der Literatur, dargeboten in einer ebenso sinnlichen wie fluide komplexen Sprache – und dazu kongenial ins Deutsche übertragen von Beate Thill.“

Daša Drndić | Brigitte Döbert & Blanka Stipetić
Sonnenschein

Kroatisch: Sonnenschein
Hoffmann und Campe 2015 | Fraktura, Zaprešić 2007
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Aus dem Kommentar der Jury:
„Eine seit 62 Jahren Wartende blättert in Dokumenten aus den Jahren, in denen die Nationalsozialisten in der Stadt Gorice nördlich von Triest herrschten und mordeten. Ein Stammbaum, eine 70 Seiten lange Liste mit den Namen von 9000 Juden, die aus Italien oder aus von Italien besetzten Ländern umgebracht oder deportiert wurden, Kurzbiographien von SS-Leuten, Fotos, Liedzeilen, Zeugenaussagen – die Kroatin Daša Drndić montiert Dokumente über einen unbekannten Schauplatz des Holocaust in die Erinnerungen Hayas an ihre gefährliche Liebe, die Mitläuferfamilie und die scheiternden Versuche, den verlorenen Sohn zu finden. Brigitte Döbert und Blanka Stipetic gelingt es, die wechselnden Tonlagen dieses ungewöhnlichen Dokumentarromans zwischen Fakten und Fiktionen, bürokratischem Zugriff und individuellem Schicksal ins Deutsche zu retten.“

Gilbert Gatore | Katja Meintel
Das lärmende Schweigen

Französisch: Le Passé devant soi
Horlemann Verlag 2014 | Phébus, Paris 2008
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Aus dem Kommentar der Jury:
„Ein ungewöhnlich couragiertes Buch über die Traumatisierungen nach dem Völkermord in Ruanda, das sich vornimmt, die Innenwelten der Opfer und der Täter zu erkunden. Mit kühlem Pathos wird der Versuch einer bilanzierenden Einfühlung in das namenlose Grauen unternommen, der sein eigenes Scheitern einbekennt und reflektiert. Im Mittelpunkt steht eine ins französische Exil geflüchtete Überlebende, die nach Ruanda zurückkehrt auf der Suche nach Erklärungen und nach Erzählmodellen für den Blutrausch, der ihre Landsleute 1994 zu bestialischen Mördern gemacht hat. Ein zweiter Erzählstrang vertieft sich in die Innenansicht der Gegenfigur: des Massenmörders Niko. Das gegenläufige Erzählen aus der Opfer- und aus der Täterperspektive macht den Roman des ruandischen Autors zu einem unerhörten Experiment mit offenem Ausgang: Das Erzählen kann nicht heilen und die Schuld kann nicht abgetragen werden.“

Amos Oz | Mirjam Pressler
Judas

Hebräisch: Habesora al pi Jehuda
Suhrkamp Verlag 2015 | Keter, Jerusalem 2014
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Aus dem Kommentar der Jury:
„Der Roman ‚Judas‘ von Amos Oz bringt auf kleinstem Raum die großen Geschichten ins Gespräch. In einem Haus am Rande Jerusalems finden Ende der fünfziger Jahre drei Generationen zusammen: Ein hochbelesener, behinderter, zum Zynismus neigender Greis, der sich keine Illusionen über die Illusionen der Religionen macht; eine vierzigjährige geheimnisvolle Frau, die sich keine Illusionen über die Anstrengungen der Männer macht, die Welt auf ihre Weise zu beherrschen; und ein junger Mann, der sich keine Illusionen über die Fertigstellung seiner Dissertation zu ‚Jesus in der Perspektive der Juden‘ macht. In ihren Gesprächen geht es um Glaube, Liebe und Verrat, um Religions- und Weltgeschichte und die bravourös entwickelte Frage, ob der Verräter Judas nicht doch der erste Christ war. Wie Amos Oz die Fäden knüpft, wie er die delikate Weltgeschichte und die junge Geschichte Israels in den drei Personen spiegelt, verschiedenste Weltansichten zur Sprache bringt und den ‚Geist der Erzählung‘ leuchten lässt – das ist nur meisterlich zu nennen.“

Amos Oz und Mirjam Pressler sind Preisträger des Jahres 2015.

Krisztina Tóth | György Buda
Aquarium

Ungarisch: Akvárium
Nischen Verlag 2015 | Magvető Kiadó, Budapest 2013
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Aus dem Kommentar der Jury:
„Die auch als Lyrikerin bekannte Autorin schildert präzise und nüchtern die Armut einer jüdischen und Roma-Familie im Nachkriegs-Ungarn. Die Figuren des Romans sind in ihrer Verlorenheit und Abweichung vom ‚Normalen‘ mit Humor und stets ohne Ressentiment gezeichnet zwischen Absurdität und Skurrilem. Tóth versenkt ihre Figuren in ein Ensemble enger Räume voller Objekte, die die Handlungen so sehr vorschreiben, dass der eingeschränkte Handlungsraum Symbol einer begrenzten Welt und der Unfreiheit wird. Tóth unterstreicht dies mit minutiösen Beschreibungen von Begleitumständen und einer sprachlichen Geruchsspur, die von Schweiß, Blut, ungewaschenen Kleidern, Müll, billigem Essen oder Fäulnis im titelgebenden Aquarium erzählt. Die Übersetzung von György Buda ist österreichisch gefärbt, aber ebenso liebevoll.“