2006/2007 Die Kulturfresser und der Umbau
Gilberto Gil, ein Festival und die Erneuerung des Hauses
2006, Sommer, ganz Deutschland ist von den Legionären des Königs Fußball besetzt und alle Kulturinstitutionen sind leer - nur ein Kulturhaus in Tiergarten hält tapfer dagegen, ist voller Besucher - so à la Asterix kann man die Geschichte nun doch nicht erzählen, obwohl das mit den Besuchern stimmt. Man muss die Geschichte so erzählen, dass mit der "Copa da Cultura", dem Festival brasilianischer Kultur, das zur Weltmeisterschaft stattfand, der Ansatz "Fußball und Kultur" verfolgt wurde. Das Foyer des Hauses ein Treffpunkt mit gemeinsamem Spielejubel vor der großen Übertragungsleinwand und brasilianischen DJs und Tänzern. Davor und daneben Avantgarde-Performances, Installationen, Filme. Und ausverkaufte Konzerte mit den Größen der Musikszene Brasiliens. Von Jorge Ben Jor über Elza Soares und Bebel Gilberto bis Chico Buarque, und natürlich Gilberto Gil, der hier für mehrere Tausend Begeisterte auftrat und zuvor als Kulturminister das Festival angeschoben hatte. Dahinter stand ein Kulturverständnis der etwas anderen Art: Fußball, basilianischen zumal, zu begreifen als Ausdruck einer Alltagskultur, die auch der Boden für andere Künste ist. So kamen Genuss, Begeisterung und Kunst zusammen, was hierzulande ja oftmals getrennt gesehen wird. Das konnte auch das Haus der Kulturen der Welt bei diesem Festivalmarathon mit 132 Veranstaltungen, 55.000 Besuchern und 64 Fußballübertragungen lernen. Große Zahlen. Dennoch bleiben Fragen: Parallel zum Ende des Festivals brachen in Sao Paulo die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe zwischen Polizeikommandos und der organisierten Kriminalität des "Ersten Hauptstadtkommandos" (Primeiro Comando do Capital/PCC) aus, mit hunderten von Toten, brennenden Banken und Ämtern, Razzien in den Favelas. Hätte man aktuell darauf reagieren können, sollen? Ein Schwergewicht des Festivals war die Ausstellung "Tropicalia - Eine Revolution der brasilianischen Kultur", die eine fast kulturrevolutionäre Bewegung der 60er-Jahre zeigte: die Populärkultur Brasiliens mit ihren indigenen, afrikanischen und europäischen Wurzeln rückzukoppeln mit westlicher Popkultur. Mit Gilberto Gil war einer der Protagonisten dieser Bewegung, der dafür unter der damaligen Militärdiktatur verfolgt wurde, im Haus - wurde dazu aber kaum befragt. Dabei war "Tropicalia" doch auch ein praktisches Beispiel der "Antropofagia" benannten "Kulturfresserei", ein im Brasilien der 20er-Jahre entwickeltes Konzept der Überwindung kultureller Grenzen: "Friss! Verdaue! Spuck's aus!" Genau das Thema des Hauses der Kulturen der Welt ... das wird dort wohl weiter Gegenstand der Überlegungen sein: Wie feiern, genießen und reflektieren vereinen ...
Die Journalistin Ute Büsing, unter anderem für das Inforadio unterwegs, schrieb für das Buch "Das Haus. Die Kulturen. Die Welt.", das pünktlich zum 50. Jubiläum der Kongresshalle im Nicolai Verlag herausgekommen ist, über die weitere Entwicklung: Die Konzerte strahlten wie die Fan-Meile zwischen Straße des 17. Juni und Brandenburger Tor einen Massenappeal aus, wie ihn das Haus der Kulturen der Welt seit seinen Anfängen nicht mehr erlebt hatte: Full House, rundherum. Einheit in der Vielheit der Trikotträger, unterschiedlicher auf `ihren` WM-Sieg programmierter Nationen – und zu gleicher Zeit: Dialog der Kulturen auf Augenhöhe.
Nach dieser Euphorie-Welle machte das Haus dicht und ging in die einjährige Renovierungspause.
Doch auch während der Umbauphase regte sich was: `meine Baustelle` hießen Begehungen mit performativem Charakter. Dabei wurde nach dem Wechselspiel von gesicherten Lebensorten und Migration gefragt. Parade-Beispiel: `Avenir!, Avenir!` (`Zukunft!, Zukunft!`). Mit einem Laien-Ensemble aus Immigranten setzte der iranische Regisseur Hamed Taheri 30 Theaterfragmente von Goethe, Beckett oder de Sade in den rohen Beton der Baustelle. Ein wenig wie bei einer Schnitzeljagd folgte jeder einzelne Besucher dabei individuell für ihn ausgelegten Spuren und traf in verschiedenen Räumen auf Ausgegrenzte, Leidende, Gefolterte. Begleitet wurde das Martyrium von der brutalen Musik des israelischen Komponisten Dror Feiler.
Ein solches radikales Körpertheater des Leidens und der Erinnerung, an Konventionen und Traditionen vorbei, darf Hamed Taheri in seiner Heimatstadt Teheran nicht zeigen. Mit der kleinen Performance bewies das Haus sogar während der Schließungsphase seine Wichtigkeit als offener Ort für künstlerische Positionen, die von den Mehrheitsmeinungen und dem Diktat der Sittenwächter in den Herkunftsländern der Künstler abweichen. Und für das Publikum lösten die verstörenden Begehungen den dialogischen Grundgedanken des Hauses ein. Denn im Anschluss trafen sich die individuell durchgeschleusten Teilnehmer gemeinsam bei Kaffee und Kuchen, Brot und Wein auf der Hinterbühne. Da wurden durch die Performance ausgelöste private Schlüssel-Reize diskutiert. Denn Hamed Taheri war es gelungen, die Schicksale der aus ethnischen, politischen oder religiösen Gründen Verfolgten mit den Biografien der Besucher zu verbinden - jenseits platter Betroffenheitsattitüde. Der Durst des einen war also der Hunger des anderen. Das Kleinst-Ereignis zeigte, was im Großen künftig möglich sein könnte. `Avenir!, Zukunft!` für das Haus der Kulturen der Welt.“
Dem kann man kaum noch etwas hinzufügen, nur so viel: Der Umbau ist beendet, das Haus mit großen Festen und einem New York-Festival wieder eröffnet, die Kongresshalle "feiert Geburtstag" - am 19. September mit Betrachtungen zum deutsch-amerikanischen Verhältnis.